Spurlos verschwunden am Ostersonntag?“Die Engelmacherin“ von Camilla Läckberg

9783471350843_1469395433953_xxlInhalt: Nach dem tragischen Verlust ihres Sohnes kehrt Ebba gemeinsam mit ihrem Mann zurück auf die Insel Valö, wo sie am Ostersonntag des Jahres 1974 unter mysteriösen Umständen ihre gesamte Familie verlor. Die damaligen Ermittlungen führten ins Leere. Bei den Renovierungsarbeiten an dem verlassenen Elternhaus kommen jedoch Details zum Vorschein, welche auf ein brutales Verbrechen hinweisen. Kommissar Patrick Hegström und sein Team beginnt den Cold Case daraufhin neu aufzurollen, um die Wahrheit endlich ans Licht zu bringen.

Rezension: Nach der „Der Leuchturmwärter“ aus der Hedströmreihe war „Die Engelmacherin“ mein zweiter Läckberg Krimi (Teil 8). Es ist nicht zu leugnen – dieses Buch ist ein Pageturner! Das Handlungsspektrum reicht über mehrere Jahrzehnte hinweg und beginnt mit Ebbas Großmutter, welche als „Engelmacherin“ traurige Berühmtheit erlangte. Die Lebensgeschichten ihrer Tochter Dagmar, ihrer Enkeltochter Laura, ihrer Urenkelin Inez  bis hin zu ihrer Urenkelin Ebba ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Ihnen allen gemein war eine bemerkenswerte Kälte des Herzens. Das Thema der Schuld steht bei ihnen im zentralen Fokus. Auffallend ist, dass keiner der Frauen es gelang, ein inniges Verhältnis zu ihren Töchtern aufzubauen. Neben den dominanten Frauengestalten, steht die Gruppe fünf Schüler, welche am jenem Ostersonntag  in der Nähe der Insel fischen waren. Sie geraten im Zuge der neuen Ermittlungen immer mehr in den Fokus der Polizei. Es drängt sich die Frage auf: Wurde damals etwas übersehen? War deren Alibi wirklich wasserfest?

Das Personenregister am Beginn des Buches konnte mir angesichts der Fülle der unterschiedlichen Charaktere, ehrlich gestanden nur wenig weiterhelfen – der Autorin scheint es große Freude zu bereiten, immer wieder zwischen den verschiedenen Figuren abrupt hin und her zu springen. Anfangs irritierte mich das noch, aber im Verlauf der Buches habe ich mich daran gewöhnt. All diejenigen, welche bereits die vorangegangenen Teile dieser Krimiserie gelesen haben, werden sich sicher leichter tun bei der Fülle der Personen. Läckberg schildert am Rand der Mordermittlungen das Alltagsleben der einzelnen Kommissare und deren Privatleben mit allen Höhen und Tiefen.  So beteiligt sich auch in diesem Fall wieder Patricks Ehefrau Erika aktiv an den polizeilichen Untersuchungen. Angesichts ihrer familiären Situation (drei Kinder) erstaunt es mich immer wieder, welcher Gefahr Erika bereit ist sich bewusst auszusetzen – nur wegen eines „guten“ Themas für ihr neues Buch. Das steht für mich in keiner Relation zu den möglichen Konsequenzen.

Fremdenfeindlichkeit und Rassismus spielen in diesem Buch eine große Rolle – so wie bei Henning Mankells „Rückkehr des Tanzlehrers“, das ich im September gelesen habe. Camilla Läckberg ( * 1974 Fjällbacka, Schweden) betont in einem Interview, welch großes Anliegen es ihr war, diesem Thema in diesem Roman einen Raum zu geben.

Wie eingangs erwähnt, schafft es die Autorin durch regelmäßige Cliffhänger, einen durchgehenden Lesefluss zu bewahren. Es bleibt bis zuletzt offen, welche Umstände zu dem Verschwinden von Ebbas Familie geführt haben und ob ein Zusammenhang mit den Mordversuchen auf sie und ihren Mann besteht. Ich fand es schade, dass Läckberg in diesem Roman, meiner Meinung nach, zu viele Handlungsstränge miteinander verbunden hat. Die Enthüllung am Schluss fand ich überraschend und gut, mein Verdacht hatte sich schlussendlich nicht bestätigt. Dennoch scheitert für mich der große Erfolg der Geschichte an den zu großen Ambitionen der Autorin hinsichtlich der Komplexität der Handlung.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Alexandra

  • Gebundene Ausgabe: 464 Seiten.
  • Verlag: List (Berlin 2014)
  • Originaltitel: Änglamakerskan (2011)
  • Übersetzung: Katrin Frey
  • ISBN: 978 – 3 – 471 – 35084 – 3

 

Venedig in all seinen Facetten: „Ewige Jugend“ von Donna Leon

Foto 2

„Brunetti las noch Buch zwei zu Ende und löschte dann ebenfalls sein Licht. Er fürchtete, von ertrinkenden Mädchen zu träumen, schlief aber friedlich durch und erwachte bei hellem Sonnenschein. Der Tag fing gut an.“

aus „Ewige Jugend“ von Donna Leon, S. 223, Diogenes 2016.

Inhalt: Auch in seinem mittlerweile 25(!) Fall ist Commissario Brunettis besonderer Spürsinn gefragt: die Contessa Lando-Continui, eine langjährige Bekannte seiner adeligen Schwiegereltern, wendet sich voller Verzweiflung an ihn. Bei einem Sturz von einer Brücke erlitt ihre geliebte Enkelin einen schweren geistigen Schaden, von dem sie sich nicht mehr erholen konnte. Auch nach 15 Jahren lässt das ihrer Großmutter keine Ruhe – sie ist der festen Überzeugung, dass damals Fremdverschulden vorlag. Manuela litt seit einem Unfall in ihrer Kindheit an einer Wasserphobie. Doch wer könnte Interesse daran gehabt haben, Manuelas Leben aus diese grausame Weise aufs Spiel zu setzen? Brunetti geht das Schicksal der jungen Frau nicht mehr aus dem Kopf und beginnt der Fall neu aufzurollen…

Rezension: Er zählt wohl zu den bekanntesten und beliebtesten Kommissaren Italiens, denn wer unter den eingefleischten Krimifans verbindet Venedig nicht mit ihm? The one and only: Commissario Brunetti. Seit 1992 schreibt die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon (* 1942 in Montclair) jedes Jahr einen Brunetti Roman (ab 1993 im Diogenes Verlag) und erlangte damit Weltruhm. Auch die immer wiederkehrende Besetzung hat sich im Laufe der Jahre wenig verändert: seine Frau Paola, seine Kinder Raffi und Chiara; sein Kollege Ispettore Vianello, sein Vorgesetzter Vice-Questore Patta und dessen Sekretärin Signoria Elettra. Sie alle bilden den gewohnten Rahmen einer jeden Geschichte.

Statt Ispettore Vianello steht in Brunetti hier eine andere charmante Kollegin tatkräftig zur Seite – ihr Leidenschaft zu Pferden erweist sich hierbei als besonders hilfreich. Es ist berührend zu sehen, wie sie sich im Verlaufe des Buches mit der Enkelin der Contessa anfreundet und mit ihren regelmäßigen Besuchen, wieder etwas mehr Farbe in das Leben der jungen Frau bringt. Die anderen, mittlerweile wohl bekannten Figuren, kommen selbstverständlich auch nicht zu kurz – Elettras messerscharfer Verstand und ihre spitze Zunge, sowie Pattas beinahe grenzenlose Selbstherrlichkeit haben mich auch in diesem Roman wieder besonders erheitert!

Donna Leons Schreibstil ist angenehm elegant und flüssig, man erkennt daran durchaus die routinierte Schriftstellerin. Was macht sie so besonders? In erster Linie wohl ihre direkte, aber charmant verpackte Gesellschaftskritik gepaart mit charakterstarken Figuren und die über die Jahre kontinuierliche, anspruchsvolle Qualität der Romane. Brunetti ist erfahren, jedoch nicht abgebrüht. Er zeigt sich aufrichtig berührt von dem Schicksal Manuelas und verfolgt mit schonungsloser Genauigkeit die Aufklärung dieses Cold Cases. Das macht ihn sympathisch und in erster Linie menschlich. In diesem Fall geht es zwar in erster Linie um die Enkelin der Contessa Lando-Continui, aber es werden im Laufe des Romans, wie gewohnt, immer zwischendurch aktuelle Diskussionen in Form von Nebenhandlungen erzählt: Migration, Korruption in Politik und Wirtschaft, etc. Bei den teils sehr deutlichen Meinungen der Figuren bezüglich bestimmter, vor allem politisch brisanter Themen, scheint es daher wenig verwunderlich, dass es von Leon gewünscht ist, dass ihre Romane gerade nicht ins Italienische übersetzt werden.

Ein interessanter Hinweis am Rande: auf der offiziellen Seite von Donna Leon habe ich direkt unter dem aktuellen Buchtitel einen passenden Reading Group Guide entdeckt, welcher sich meiner Meinung nach hervorragend dafür eignet, auch  gerne einmal alleine nach dem Lesen über das Buch zu reflektieren. Es ist auf jeden Fall ein gutes Angebot und ich kann nur jedem empfehlen, es nach der Lektüre zu nützen!

Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen!

  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Diogenes 2016
  • Orginaltitel: „Waters of eternal youth“ (Übersetzung: Werner Schmitz)
  • ISBN: 978-3-257-06969-3

Alexandra

 

#mysteryfriday: „Aus den dunklen Anfängen von Sherlock Holmes“ von David Pirie

20160415_071844

Titel: „Aus den dunklen Anfängen des Sherlock Holmes“ von David Pirie
Erscheinungsdatum: 2014 – 2016
Verlag: Bastei Lübbe
Seitenanzahl: jeweils ca. 450 Seiten
Genre: Viktorianischer Krimi

Inhalt: Im Mittelpunkt der Handlung steht der Arzt Dr. Joseph Bell, der, begleitet vom jungen Arthur Conan Doyle, Verbrechen aufklärt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive Arthur Conan Doyles. Jeder Teil behandelt einen eigenen Kriminalfall, die größeren Handlungsstränge ziehen sich jedoch über alle drei Romane.

Meine Meinung: Spätestens seit der neuen Sherlock-Serie auf BBC ist der Sherlock Holmes-Hype wieder groß. Die Geschichten werden neu verfilmt, für Serien adaptiert und im neuen Gewand präsentiert. Auch in der Literaturwelt schrecken Autoren nicht davor zurück, die Fälle um den berühmtesten Privatdetektiv der Welt neu auszulegen oder neu zu erfinden. Für den heutigen #mysteryfriday habe ich die Sherlock Holmes-Trilogie von David Pirie ausgesucht, die Arthur Conan Doyle an der Seite des Arztes Dr. Joseph Bell begleitet, der als Vorbild für den Detektiven gilt. Das ganze ist biografisch angelegt, was es sehr spannend macht, da ein Teil der handelnden Personen wirklich gelebt hat – der Rest ist die dunkle Fantasie des Autors – und diese ist groß! Der Leser folgt den beiden Protagonisten duch dunkle Gassen, neblige Moore und einsame Örtchen, das Verderben immer im Nacken. Fans des unnahbaren Privatdetektiven werden ihre Freude daran haben, dessen Verhalten und Art des Sprechens bei Dr. Bell wiederzufinden, der seinen Begleiter gerne im Unwissen lässt und diesen hilflos durch die Gegend laufen lässt.

Die drei Teile der „dunklen Anfänge von Sherlock Holmes“ sind schnell gelesen und sind literarisch natürlich nicht das Höchste, dennoch sind alle Romane sehr spannend (mit einem kleinen Ausreißer des zweiten Teils, meiner Meinung nach). Wer auf viktorianische Krimis steht, kommt hier ganz auf seine Kosten!

Bewertung: 5 Sterne

20160415_071922

#mysteryfriday: „Vier Tage währt die Nacht“ von Dorothea Baltenstein

20160310_193550

von Nika

Autorin: Dorothea Baltenstein
Titel: Vier Tage währt die Nacht
Erscheinungsdatum: 2002
Verlag: Eichborn
Seitenanzahl: 536 Seiten
Genre: Krimi

Inhalt: Schottland, im Jahre des Herrn 1817. Jonathan Lloyd erhält von seinem alten Freund Sir Mortimer Pope eine Einladung nach Boroughmore Castle. Ein literarischer Wettstreit ist geplant; man will sich treffen wie einst die Shelleys sich mit Lord Byron in der Schweiz trafen, wo Mary Shelley die Inspiration zu Frankenstein hatte. Aber bereits in der ersten Nacht stürzt die Zugbrücke des Schlosses ein, was ein Todesopfer fordert. Unvermittelt eingesperrt müssen die Literaten erkennen, dass ein Mörder unter ihnen weilt, der einen nach dem anderen von ihnen tötet. Und plötzlich geht es nicht länger um die schönen Künste, sondern um das nackte Überleben…

Persönliche Meinung: Hinter dem Pseudonym „Dorothea Baltenstein“ steckt in Wirklichkeit ein Schulprojekt aus Berlin, dass das Buch nach zahlreichen Verlagsabsagen in den späten Neunzigern schließlich selber druckte und verkaufte. Erst der Eichborn Verlag brachte das Buch 2002 als Hardcover auf den Markt – zurecht! Hat mich der Gedanke, ein Buch aus dem frühen 20. Jahrhundert in den Händen zu halten, durch die moderne Sprache erst ziemlich irritiert, war ich regelrecht erleichtert, als ich die Hintergrundgeschichte der Autorin las. „Vier Tage währt die Nacht“ entfaltet die Spannung zwar langsam, aber stetig. Man muss sich erst durch circa 150 Seiten Schlossbesichtigung kämpfen, bis es eigentlich los geht. Mich hat das nicht gestört, im Gegenteil, denn so kann man die muffige und verregnete Atmosphäre in dem alten Gemäuer praktisch fühlen. Die Geschichte ist sicher nichts für Leser, die auf Action stehen, denn „Vier Tage währt die Nacht“ ist nicht so turbulent wie heutige Krimis.  Dafür freundet man sich schnell mit den Charakteren an und folgt gebannt deren Schritte. Ich kann den Roman absolut weiterempfehlen – Gänsehaut ist garantiert!

Bewertung: 5 Sterne

#mysteryfriday: „Die Frau im Fahrstuhl“ von Helene Tursten

040316

Autorin: Helene Tursten
Titel: Die Frau im Fahrstuhl (Original: Kvinnen i hissen)
Erscheinungsdatum: 2004
Verlag: btb Verlag
Seitenanzahl: 176 Seiten
Genre: Kurzgeschichten, Mystery, Geistergeschichten.

Biographie der Autorin: Helene Tursten wurde 1954 in Göteborg geboren. Die ehemalige Krankenschwester und Zahnärztin schreibt seit 1993 Kriminalromane. Am bekanntesten ist ihre „Inspektorin Irene Huss“ Reihe, welche auch bereits verfilmt worden ist.

Inhaltsangabe: Das Buch „Die Frau im Fahrstuhl“ beinhaltet insgesamt elf Kurzgeschichten, die sich mit dem Phänomen von Geistern beschäftigen. Ganz zu Beginn richtet die Autorin das Wort direkt an die Leser und bezeichnet sich selbst als leidenschaftliche Sammlerin von (im besten Fall wahren) Geistergeschichten. Die titelgebende Geschichte – die Frau im Fahrstuhl – teilt sich in zwei Abschnitte, jeweils am Anfang des Buches und an dessen Ende – auf. Der biographische Aspekt von Tursten fließt immer wieder in die Erzählungen ein: viermal diente ein Krankenhaus als Schauplatz der seltsamen Vorkommnisse. Das Geheimnis um die übersinnlichen Erscheinungen wird stets am Ende einer Geschichte gelüftet. Dahinter verbergen sich oft tragische Schicksale und Motive wie Rache, Hass und Verlust.

Persönliche Meinung: Das Buch eignet sich aufgrund seines Aufbaus gut als Wegbegleiter für unterwegs. Die Geschichten sind jeweils abschlossen und der Erzählstil ist flüssig und regt stets zum Weiterlesen an. Alles in allem konnte mich das Buch jedoch nicht wirklich fesseln. Wer sich eine hochspannende und aufwühlende Lektüre erwartet wird  (in den meisten Fällen) eher enttäuscht. Der Hintergrund bei den meisten Geschichten ist dann doch eher skurril (Beispiel: „Nicht ohne meine Hose“) oder melancholisch („Einige Dinge vergisst man nie“). Überzeugen konnten mich eigentlich nur zwei Geschichten: „Die Frau im Fahrstuhl“ und „Brennender Hass“ – sie bauen eine sehr gute Spannung auf und werden dem Gerne von aufregenden Geistergeschichten wirklich gerecht.

Bewertung: 3 Sterne

Alexandra