Leselust statt Lesefrust

Stapel für Stapel ungelesener Bücher türmen sich Zuhause und es werden immer mehr statt weniger. Da besteht einerseits eine unbeständige Vorfreude auf die Highlights, welche einem wie kleine Kristalle aus der Dunkelheit entgegenleuchten und der Rest rutscht beständig in der Liste nach hinten. „Das lese ich später“ oder „Momentan hätte ich mehr Lust auf…“ sind die Gedanken, die einem so durch den Kopf gehen, wenn man sich ratlos vor dem Bücherregal stehend wiederfindet. Nimmt man zögernd, da es einem eigentlich eine ordentliche Portion Überwindung kostet, schlussendlich dann doch einen Band heraus, erwartet einem zweierlei: entweder Begeisterung oder Ernüchterung. Entweder man denkt sich: „Warum hat es denn so lange dauern müssen, bis ich dieses Buch endlich gelesen habe?“ oder „Diese Buch entspricht überhaupt nicht meinen Erwartungen“. Ein gewisses Restrisiko liegt also in der Natur der Sache. Doch wenn man sich nicht überwindet und anstatt seinen Sub schrittweise „abzulesen“, regelmäßig füttert, steigt der Frustationslevel unausweichlich.

Wem es anders geht, der solle die Hand heben. Mir geht es bei weitem nicht anders. Doch vor einigen Tagen habe ich mir einen Ruck gegeben und habe einfach angefangen das Volumen meines Subs zu verkleinern. Eins noch vorweg: Es fällt mir wirklich schwer Bücher abzubrechen. Aber angesichts der Tatsache, dass unsere Lebensspanne auf der Erde begrenzt ist, sollte sich jeder für sich selbst überlegen, ob man diese Zeit tatsächlich mit dem Lesen von Büchern verbringen möchte, die einem, ehrlich gesagt, keine Freude bereiten.

Ich möchte daher an euch appellieren (auch wenn es kitisch klingen mag): hört auf euer Herz und sortiert alle Bücher, welche euch nicht gefallen – egal aus welchen Beweggründen  auch immer – radikal aus. Wenn die erste Hemmschwelle gefallen ist und ihr euer vermeindlich schlechtes Gewissen überwunden habt, werdet ihr sehen, dass es nichts zu bereuen gibt. Vergeudet doch eure wertvolle Lesezeit nicht mit Büchern, die ihr lesen „müsst“, im Grund genommen aber gar nicht lesen wollt.

Freilich wird es immer wieder Situationen im Leben geben, die einem gewisse Bücher vorschreiben: siehe Pflichtlektüre in der Schule, Ausbildung oder im Beruf. Das lässt sich – in den meisten Fällen – nicht beeinflussen oder verändern. Geht es jedoch um eure eigene, persönliche Leseliste, seid mutig und nehmt keine Rücksicht auf Vorschriften jeglicher Art. Lesen dient der Bereichung, Entspannung, Erweiterung des Horizonts, etc. Keiner kann mir sagen, welches Buch zu meiner jetztigen Lebenssituation passt und meine Bedürfnisse befriedigt.

Alle Bücher mit denen ihr nichts anfangen könnt, schenkt am besten weiter oder verkauft sie am Flohmarkt. Da draußen wird es bestimmt jemanden geben, den eure ungewollte Lektüre glücklich macht. Im Gegenzug schafft man sich eine neue Ordnung und bekommt wieder Platz für die Bücher, die einem wahrhaftig berühren.

Alexandra

Diskussionsfragen:

– Wie ist eure Meinung zu dem Thema?
– Bereitet die Länge eures Subs euch mehr Leselust oder -frust?

„Bübins Kind“ von Mare Kandre

„Dieser klägliche Eindringling ist hierhergekommen und hat alles Quälende und Unerträgliche aus der Tiefe aufgewühlt – […]“

51X1kXbZiDLMare Kandres „Bübins Kind“ (Septime Verlag) ist die sprachgewaltige Erzählung eines kindlichen Ich-Erzählers, dessen Platz in der Gemeinschaft mit dem Onkel und dem Hausmädchen Bübin von einem neuen Kind verdrängt wird. Die Katastrophe bereits voraussehend, berichtet das Ich von dem Verlassen des Onkels und Bübins und dem Zurückbleiben mit dem Mädchen.

„Mein Körper ist abstoßend und schwer, ich spüre, wie sich das Blut in der weißen Knochenwiege des Beckens sammelt, und große, unbeschreibliche Angst erfasst mich.“

„Bübins Kind“ ist ein Roman, der viele Deutungsebenen zulässt und das ohne Interpretationen nicht auskommen mag. Gerade durch die erste Menstruation, die die Ich-Erzählerin während der Handlung bekommt, wird das Zurückbleiben mit dem zweiten Kind zu einem möglichen Kampf gegen das Erwachsenwerden und gegen die Pubertät. Zwar ist das Leben der beiden von nun an durch Hunger und Durst geprägt, doch keine wird zu einem rettenden Anker für die andere. Die Grenze des Kindseins soll für beide nicht überschritten werden und so vergehen die Tage in diesem kindlichen Kosmos voller Leid und Schmerz.

Im Nachwort beschreibt Aase Berg treffend auch den Roman als Roman über Einsamkeit und Trauer. Die Ich-Erzählerin bleibt mit ihren Gefühlen und Beobachtungen zurück. Untätig wird sie von ihren Bezugspersonen zurückgelassen und das sogar mit dem neuen Ersatzkind. Sie beide werden der Wildnis des nun leeren Hauses preisgegeben – hoffend und wartend auf das nicht kommende Auto, das ihr Schicksal wieder lenkt.

„Bübins Kind“ überrascht mit vielen wunderbar konstruierten Sätzen, die so gar nicht zusammenpassen wollen, aber sich dem Lesefluss und dem Inhalt anpassen, als gäbe es sie schon immer. Mare Kandres Text ist schwer und dreckig, ist aber definitiv ein Fundstück in den vielen Neuerscheinungen.

  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
  • Verlag: Septime Verlag (13. März 2017)
  • Übersetzung: Charlotte Karlsson-Hager
  • ISBN-13: 978-3902711632

Nika

Das Haus der Familie: „Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ von E.C. Osondu

„Alles, was er um das Haus anpflanzt, mehrt sich und trägt so viele Früchte, dass es Zweige und Äste niederdrückt. Sogar die Hühner, Hunde und Katzen mehren sich. Alles, was sie verkaufen, selbst Wasser, verkauft sich in null Komma nichts. In diesem Haus wohnt das Glück.“

51HSHUQDtyL„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ ist das Romandebüt des Nigerianers E.C. Osondu (Verlag Das Wunderhorn) und behandelt die Geschichten rund um das sogenannte Haus der Familie, in dem ein Großvater seine Familie und Freunde versammelt und in dem viele Zuflucht suchen.

„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ ist einer der wenigen Romane, in dem nicht die Figuren die Hauptcharaktere sind, sondern das Haus als Ort zum Mittelpunkt des Geschehens wird. In kurzen Portraits folgen wir den vielen Einwohnern, unter denen es Streit, Liebe, Misstrauen und Freude gibt. Wir folgen auch ihren mystischen Geschichten und ihren alltäglichen Begegnungen, sodass der Autor nach und nach ein Gesamtbild seiner Heimat spannt, die wie das Haus der Familie von Lachen und Leiden geprägt wird. Der Großvater bietet ein Heim für verlorene Seelen, macht dabei aber auch klar, dass diese unter seinem Willen stehen und ihm gehorchen müssen. Mit strenger Hand regelt er so eine Gemeinschaft bestehend aus Witwen, kleinen Gaunern, einstigen Kaufleuten und seinen eigenen Angehörigen. Das Haus der Familie wird für viele zum Sehnsuchtsort, zu einem Anker der Hilflosen.

Über 15 Geschichten, Schicksale und Begegnungen sind es, die die Leser einladen, am Leben der Bewohner teilzuhaben. Es sind Geschichten, die emotional sind – mal mehr, mal weniger, teilweise auch sachlich, doch sie alle machen Lust auf mehr. Osondu erlaubt einen Einblick in das nigerianische Leben, das uns in Europa nur selten präsentiert wird. Es mag zwar ein wilderes und offeneres Leben sein – für uns eventuell zu viel von allem – doch die grausamen Bilder aus Afrika, die die Nachrichten prägen, werden hier gegen ein familiäres Zusammensein eingetauscht. Die Leser werden eingeladen, durch die Schlüssellöcher zu gucken. Bei einigen möchte man länger verbleiben, andere laden nur für eine kurze Dauer ein. So springt der Autor von Figur zu Figur und beweist, was er am besten kann: ein Kaleidoskop aus Geschichten zu bauen.

  • Gebundene Ausgabe: 190 Seiten, 24,80 € (D)
  • Verlag: Das Wunderhorn; Auflage: 1 (16. März 2017)
  • ISBN-13: 978-3884235508

Nika

Der Kampf ums Überleben: „Die Polarfahrt“ von Hampton Sides

„Wie konnte man den Nordpol erreichen? […] Gab es Wege durchs Eis, die nicht zufroren?“

91XU0rbFv0LJuli 1879: 33 Männer brechen zu einer Expedition auf, die ihr Leben maßgebend beeinflussen und verändern wird. Einige werden nicht zurückkehren…
Es ist der Traum des Nordpols und der Theorie des offenen Polarmeers, dem der Kapitän George DeLong und seine Mannschaft folgen. Doch was als Abenteuer beginnt, wird schnell zu einem Alptraum, als die USS Jeannette im Packeis stecken bleibt und über zwei Jahre eingeschlossen ist. Hampton Sides erzählt in „Die Polarfahrt“ (mare) über den Kampf ums Überleben im ewigen Eis und schreibt eindrücklich über den Versuch der 33 Männer, wieder nach Hause zurückzukehren.

Der Nordpol: Er war lange eine der großen Sehnsuchtsorte der Schiffsnationen und kostete vielen mutigen Männern das Leben. Viele wurden gefunden, viele sind für immer verschollen, doch was bestehen bleibt, sind die Geschichten um Mut, Angst und eiserne Willen, die alle verbindet. Akribisch recherchiert, präsentiert der amerikanische Journalist und Autor Hampton Sides mit „Die Polarfahrt“ ein spannendes Werk Weltgeschichte. Detailliert geht er hierbei auf alles ein, was den Weg der USS Jeannette beeinflusste. Angefangen vom ersten Plan rund um DeLong und Geldgeber James Gordon Bennett Jr. (Herausgeber des New York Herald) bis hin zu Kauf und Bearbeitung des Schiffes und der Auswahl der Crew gibt der Autor einen kompletten Einblick in die „Vorwehen“ der Expedition. Höhepunkte sind definitiv die Jahre auf See, dennoch ist dieses Buch eine vielseitige Erzählung, die gerade dadurch noch einmal umso spannender ist, da sie wirklich so passierte.

Die einstige Faszination, den Nordpol zu erzwingen und das Land nördlich von Sibirien und Grönlands zu erschließen – ja gar sogar die Nordwestpassage zu entdecken – setzt sich in „Die Polarfahrt“ fort. Der mare-Verlag steht für hochklassige Literatur mit dem Meer als Angelpunkt und hat mit dem vorliegenden Buch erneut gezeugt, wie gefährlich dieses sein kann, insbesondere im Norden. In einer einfachen und verständlichen Sprache hat Sides hierfür ein regelrechtes Gesamtkunstwerk geschaffen, das nichts in der Geschichte auslässt und trotz der vielen Tragödien immer sachlich bleibt.

„Die Polarfahrt“ ist nicht nur ein Buch für Entdecker*innen, sondern für alle, die noch immer an den Geschichten des Nordpols hängen – Geschichten, die unsere Welt über ein Jahrhundert lang beschäftigten, Familien auseinanderriss und aus denen Helden entsprangen.

 

  • Gebundene Ausgabe: 584 Seiten, 28 € (D)
  • Verlag: Mare Verlag; Auflage: 1. (7. März 2017)
  • Übersetzung Rudolf Mast
  • ISBN-13: 978-3866482432
  • Originaltitel: In the Kingdom of Ice: The Grand and Terrible Polar Voyage of the USS Jeannette

Nika

Eine Reise in eine unbekannte Welt: „Sowjetistan“ von Erika Fatland

Erika Fatlands Buch „Sowjetistan: Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan“ (suhrkamp Taschenbuch) ist eine Reise in 5 Länder, die für viele unbekannt sind. Zweimal reiste die Journalistin für ihren Reisebericht nach Zentralasien. Dabei durfte sie immer wieder eine große Gastfreundschaft erfahren und wurde in die Bräuche und Kultur dieser spannenden Länder unterrichtet.

Pferde in Kasachstan, ein mechanisches Buch als Denkmal in Turkmenistan, die Diktatur in Usbekistan – viele Themen reißt Fatland in ihren Erzählungen an. Ihr Buch wird so zu einer unterhaltsamen Mischung aus humorvollen Ereignissen bis zum bitteren Ernst, wenn es um die Politik und Gesellschaft Zentralasiens geht. Eingebunden werden auch historische Exkurse, die die Autorin immer wieder gekonnt einbindet und damit auf die vielen Missstände der Länder hinweist, denn noch heute sind es die Unterdrückung der Grundrechte der Bevölkerung, die starke Korruption und grausame Bräuche wie der Brautraub, die Zentralasien prägen. Auch Umweltkatastrophen wie die Vertrocknung des einst riesigen Aralsees oder die Folgen diverser Atomtests werden nicht ausgelassen.

Erika Fatlands Berichte sind höchst interessant und werden von einigen Farbfotos unterstützt, deren Umfang gerne hätte größer ausfallen können. „Sowjetistan“ bietet viele Details und Wissen über eine Region, die für viele unbekannt ist. Die Autorin weckt mit ihren Berichten definitiv den Wunsch, das Unbekannte zu entdecken und zu erforschen. Einzig der Titel wäre zu bemängeln, denn „Sowjetistan“ weckt Bilder, die nicht unbedingt immer mit den bereisten Ländern übereinstimmen. Auch eine Art umfangreicheres Factsheet zu den Ländern wäre spannend gewesen.

Broschiert: 511 Seiten, 16,95 € (D)
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (6. März 2017)
Übersetzung: Ullrich Sonnenberg
ISBN-13: 978-3518467626
Originaltitel: Sovjetistan. En reise gjennom Turkmenistan, Kasakhstan, Tadsjikistan, Kirgisistan og Usbekistan

Nika