Das Haus der Familie: „Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ von E.C. Oscondu

„Alles, was er um das Haus anpflanzt, mehrt sich und trägt so viele Früchte, dass es Zweige und Äste niederdrückt. Sogar die Hühner, Hunde und Katzen mehren sich. Alles, was sie verkaufen, selbst Wasser, verkauft sich in null Komma nichts. In diesem Haus wohnt das Glück.“

51HSHUQDtyL„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ ist das Romandebüt des Nigerianers E.C. Oscondu (Verlag Das Wunderhorn) und behandelt die Geschichten rund um das sogenannte Haus der Familie, in dem ein Großvater seine Familie und Freunde versammelt und in dem viele Zuflucht suchen.

„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ ist einer der wenigen Romane, in dem nicht die Figuren die Hauptcharaktere sind, sondern das Haus als Ort zum Mittelpunkt des Geschehens wird. In kurzen Portraits folgen wir den vielen Einwohnern, unter denen es Streit, Liebe, Misstrauen und Freude gibt. Wir folgen auch ihren mystischen Geschichten und ihren alltäglichen Begegnungen, sodass der Autor nach und nach ein Gesamtbild seiner Heimat spannt, die wie das Haus der Familie von Lachen und Leiden geprägt wird. Der Großvater bietet ein Heim für verlorene Seelen, macht dabei aber auch klar, dass diese unter seinem Willen stehen und ihm gehorchen müssen. Mit strenger Hand regelt er so eine Gemeinschaft bestehend aus Witwen, kleinen Gaunern, einstigen Kaufleuten und seinen eigenen Angehörigen. Das Haus der Familie wird für viele zum Sehnsuchtsort, zu einem Anker der Hilflosen.

Über 15 Geschichten, Schicksale und Begegnungen sind es, die die Leser einladen, am Leben der Bewohner teilzuhaben. Es sind Geschichten, die emotional sind – mal mehr, mal weniger, teilweise auch sachlich, doch sie alle machen Lust auf mehr. Oscondu erlaubt einen Einblick in das nigerianische Leben, das uns in Europa nur selten präsentiert wird. Es mag zwar ein wilderes und offeneres Leben sein – für uns eventuell zu viel von allem – doch die grausamen Bilder aus Afrika, die die Nachrichten prägen, werden hier gegen ein familiäres Zusammensein eingetauscht. Die Leser werden eingeladen, durch die Schlüssellöcher zu gucken. Bei einigen möchte man länger verbleiben, andere laden nur für eine kurze Dauer ein. So springt der Autor von Figur zu Figur und beweist, was er am besten kann: ein Kaleidoskop aus Geschichten zu bauen.

  • Gebundene Ausgabe: 190 Seiten, 24,80 € (D)
  • Verlag: Das Wunderhorn; Auflage: 1 (16. März 2017)
  • ISBN-13: 978-3884235508

Nika

Der Kampf ums Überleben: „Die Polarfahrt“ von Hampton Sides

„Wie konnte man den Nordpol erreichen? […] Gab es Wege durchs Eis, die nicht zufroren?“

91XU0rbFv0LJuli 1879: 33 Männer brechen zu einer Expedition auf, die ihr Leben maßgebend beeinflussen und verändern wird. Einige werden nicht zurückkehren…
Es ist der Traum des Nordpols und der Theorie des offenen Polarmeers, dem der Kapitän George DeLong und seine Mannschaft folgen. Doch was als Abenteuer beginnt, wird schnell zu einem Alptraum, als die USS Jeannette im Packeis stecken bleibt und über zwei Jahre eingeschlossen ist. Hampton Sides erzählt in „Die Polarfahrt“ (mare) über den Kampf ums Überleben im ewigen Eis und schreibt eindrücklich über den Versuch der 33 Männer, wieder nach Hause zurückzukehren.

Der Nordpol: Er war lange eine der großen Sehnsuchtsorte der Schiffsnationen und kostete vielen mutigen Männern das Leben. Viele wurden gefunden, viele sind für immer verschollen, doch was bestehen bleibt, sind die Geschichten um Mut, Angst und eiserne Willen, die alle verbindet. Akribisch recherchiert, präsentiert der amerikanische Journalist und Autor Hampton Sides mit „Die Polarfahrt“ ein spannendes Werk Weltgeschichte. Detailliert geht er hierbei auf alles ein, was den Weg der USS Jeannette beeinflusste. Angefangen vom ersten Plan rund um DeLong und Geldgeber James Gordon Bennett Jr. (Herausgeber des New York Herald) bis hin zu Kauf und Bearbeitung des Schiffes und der Auswahl der Crew gibt der Autor einen kompletten Einblick in die „Vorwehen“ der Expedition. Höhepunkte sind definitiv die Jahre auf See, dennoch ist dieses Buch eine vielseitige Erzählung, die gerade dadurch noch einmal umso spannender ist, da sie wirklich so passierte.

Die einstige Faszination, den Nordpol zu erzwingen und das Land nördlich von Sibirien und Grönlands zu erschließen – ja gar sogar die Nordwestpassage zu entdecken – setzt sich in „Die Polarfahrt“ fort. Der mare-Verlag steht für hochklassige Literatur mit dem Meer als Angelpunkt und hat mit dem vorliegenden Buch erneut gezeugt, wie gefährlich dieses sein kann, insbesondere im Norden. In einer einfachen und verständlichen Sprache hat Sides hierfür ein regelrechtes Gesamtkunstwerk geschaffen, das nichts in der Geschichte auslässt und trotz der vielen Tragödien immer sachlich bleibt.

„Die Polarfahrt“ ist nicht nur ein Buch für Entdecker*innen, sondern für alle, die noch immer an den Geschichten des Nordpols hängen – Geschichten, die unsere Welt über ein Jahrhundert lang beschäftigten, Familien auseinanderriss und aus denen Helden entsprangen.

 

  • Gebundene Ausgabe: 584 Seiten, 28 € (D)
  • Verlag: Mare Verlag; Auflage: 1. (7. März 2017)
  • Übersetzung Rudolf Mast
  • ISBN-13: 978-3866482432
  • Originaltitel: In the Kingdom of Ice: The Grand and Terrible Polar Voyage of the USS Jeannette

Nika

Eine Reise in eine unbekannte Welt: „Sowjetistan“ von Erika Fatland

Erika Fatlands Buch „Sowjetistan: Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan“ (suhrkamp Taschenbuch) ist eine Reise in 5 Länder, die für viele unbekannt sind. Zweimal reiste die Journalistin für ihren Reisebericht nach Zentralasien. Dabei durfte sie immer wieder eine große Gastfreundschaft erfahren und wurde in die Bräuche und Kultur dieser spannenden Länder unterrichtet.

Pferde in Kasachstan, ein mechanisches Buch als Denkmal in Turkmenistan, die Diktatur in Usbekistan – viele Themen reißt Fatland in ihren Erzählungen an. Ihr Buch wird so zu einer unterhaltsamen Mischung aus humorvollen Ereignissen bis zum bitteren Ernst, wenn es um die Politik und Gesellschaft Zentralasiens geht. Eingebunden werden auch historische Exkurse, die die Autorin immer wieder gekonnt einbindet und damit auf die vielen Missstände der Länder hinweist, denn noch heute sind es die Unterdrückung der Grundrechte der Bevölkerung, die starke Korruption und grausame Bräuche wie der Brautraub, die Zentralasien prägen. Auch Umweltkatastrophen wie die Vertrocknung des einst riesigen Aralsees oder die Folgen diverser Atomtests werden nicht ausgelassen.

Erika Fatlands Berichte sind höchst interessant und werden von einigen Farbfotos unterstützt, deren Umfang gerne hätte größer ausfallen können. „Sowjetistan“ bietet viele Details und Wissen über eine Region, die für viele unbekannt ist. Die Autorin weckt mit ihren Berichten definitiv den Wunsch, das Unbekannte zu entdecken und zu erforschen. Einzig der Titel wäre zu bemängeln, denn „Sowjetistan“ weckt Bilder, die nicht unbedingt immer mit den bereisten Ländern übereinstimmen. Auch eine Art umfangreicheres Factsheet zu den Ländern wäre spannend gewesen.

Broschiert: 511 Seiten, 16,95 € (D)
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (6. März 2017)
Übersetzung: Ullrich Sonnenberg
ISBN-13: 978-3518467626
Originaltitel: Sovjetistan. En reise gjennom Turkmenistan, Kasakhstan, Tadsjikistan, Kirgisistan og Usbekistan

Nika

Gegen das Vergessen: „Ort der Engel“ von Erika Fatland

Ort der Engel von Erika Fatland

Drei lang Tage nahm ein Terrorteam in einer Schule im ossetischen Beslan über 1100 Familienmitglieder und Lehrerinnen und Lehrer als Geiseln. 3 Tage lang währte ein Kampf ums Überleben, bei denen es den Geiseln mitten in der Sommerhitze  untersagt war, zu trinken oder zu essen. Beim Sturm auf die Schule kam fast ein Drittel der Gefangenen ums Leben, über 700 wurden verletzt. In „Ort der Engel“ (btb Verlag) erzählt die Journalistin Erika Fatland die Geschichte der Opfer und der Täter, der politischen Verwicklungen und der Entwicklungen des Pulverfasses Nordkaukasus, das bis heute von diesem grausamen Massaker beeinflusst wird.

Es ist der 1. September 2004, der Tag der Einschulung, als über 30 männliche und weibliche Terroristen (von vielen Augenzeugen wird die Zahl höher angegeben) die Schule 1 in Beslan stürmen und die Geiseln in die Turnhalle treiben. Welches Leid diese innerhalb der drei Tage durchleben müssen, ist kaum vorstellbar und soll hier nicht weiter geschildert werden. Das Ziel der Terroristen wird schnell klar: Sie fordern die Freilassung von gefangenen tschetschenischen Terroristen aus den inguschetischen Gefängnissen, den Rückzug aller russischen Truppen aus Tschetschenien und den Rücktritt Putins. Diese bleiben unerfüllt und so wird die Schule von den Einsatzkräften gestürmt. Erika Fatland präsentiert in ihrem Buch eine gut recherchierte Aufstellung der Ereignisse, für die sie zweimal nach Beslan reiste, um die Angehörigen der Opfer und Täter zu interviewen. Präzise setzt sie die tragischen Abläufe zusammen und schafft so ein Werk gegen das Vergessen.

„Ort der Engel“ ist ein Rundumblick der Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht.
Fast 13 Jahre sind vergangen, doch in Beslan kehrt keine Ruhe ein. Die Welt hat diese Stadt vergessen, doch die Familien der Toten wollen zu Recht nicht schweigen. Noch immer ist der Fall Beslan nicht abgeschlossen und noch immer gibt es viele Ungereimtheiten. Wie kam es zur ersten Explosion, die das Ende der Geiselnahme einläutete? Wieso konnten sich die Terroristen wochenlang nur wenige Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt aufhalten? Woher kamen die Waffen und Bomben und wie kamen sie über die stark bewachte Grenze Nordossetiens? Noch immer ist die Region eine der gefährlichsten im Nordkaukasus und auch Fatland durfte sich hier während ihres ersten Aufenthalts nur in Begleitung von Leibwächtern bewegen. „Ort der Engel“ ist ein beeindruckendes Buch, das aufrüttelt und schockiert. Es zeigt, wie schnell wir Tragödien vergessen und wie diese ganze Städte nachhaltig beeinflussen. Was im Nordkaukasus geschieht findet kaum mehr Beachtung in den Medien. Der Tschetschenien-Konflikt ist vielen ein Begriff, doch wie die Menschen noch immer leben müssen, wissen nur die wenigsten. Dieses Buch hat mich sprachlos zurückgelassen und den Wunsch geweckt, mehr über die Konflikte des Nordkaukasus zu lernen.

  • Taschenbuch: 288 Seiten, 9,99 € (D)
  • Verlag: btb Verlag (12. Dezember 2016)
  • Übersetzung: Stephanie Elisabeth Baur
  • ISBN-13: 978-3442745364
  • Originaltitel: Englebyen

Nika

„Mexikanische Novelle“ von Bodo Kirchhoff

41ZgFSV8PWLNachdem Bodo Kirchhoff mit „Widerfahrnis“ im letzten Jahr den deutschen Buchpreis gewonnen hatte, war ich sehr gespannt auf die überarbeitete Auflage seines Romans „Mexikanische Novelle“, der jetzt ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. In dieser Erzählung geht es um einen Reporter, der in die USA geschickt wird, um einen Artikel über einen deutschen Kampfpiloten zu schreiben. In Mexiko lernt er anschließend eine junge Frau kennen, Baby Ophelia, mit der er eine Affäre beginnt und vor sich hin lebt. Doch ausgerechnet diese Frau ist die Schwester eines Drogendealers – und als dann auch noch der Kampfpilot dazustößt und sich an den Journalisten hängt, entwickelt sich der Roman von einer lockeren Erzählung zum Vorspann einer Katastrophe.

Ähnlich wie in „Widerfahrnis“ ist auch „Mexikanische Novelle“ eine Erzähung, die dem Ich-Erzähler folgt und sich von Situation zu Situation hangelt. Zwar ist dies der generelle Aufbau jedes Romans, doch Kirchhoff macht es zu etwas Besonderem, indem die Figuren scheinbar untätig ihrem Schicksal folgen. So scheint auch die Motivation des Protagonisten, weiter in Mexiko herumzuziehen, wahllos und rein von dem Wunsch geprägt, sich treiben zu lassen. Dass er hier erneut Baby Ophelia und dem Piloten Ritzi begegnet, kann daher nur eine natürliche Entwicklung der Handlung sein, so unrealistisch es auch wirken mag. Der gesamte Leseprozess des Romans ist geprägt von dem Gefühl, dass alles etwas unnatürlich und konstruiert wirkt. Gleichzeitig ist der Zugang zu den Figuren nicht unbedingt einfach. Baby Ophelia agiert als willenlose Geliebte, die sich jedem fügt und Ritzi als Anhängsel des Journalisten, der ohne Grund dessen Spuren folgt und mit in dessen Hotelzimmer nächtigt.

„Ich löste mich aus der Klammer und sagte, mein Freund könnte jeden Moment an die Tür klopfen, und Baby Ophelia zog sich das Betttuch bis zum Kinn, wie es Frauen in albernen Filmen tun, wenn überraschend ein Fremder ins Schlafzimmer tritt.“

Obwohl Baby Ophelia der Grund der Katastrophe ist, die sich anbahnt, wird ihr im Roman wenig Platz gelassen. Generell vermitteln die Frauen in der Erzählung ein Frauenbild, dass lediglich durch Sex definiert und von Männern dominiert wird. Der ältere Mann, der sich eine jüngere Freundin sucht, um diese fast sofort mit einer Prostituierten zu betrügen, ist in „Mexikanische Novelle“ Programm. Als Hauptfigur war der Journalist für mich kein Sympathieträger, was kein Kriterium ist, dennoch wirkte er in vielen Situationen seltsam stumpf. So ist der einzige Gedanke, den er im dramatischen Finale hegt, der nach frischem, kalten Bier. Sollte hier die männliche Existenz bis ins kleinste Verlangen runtergebrochen werden?

Bodo Kirchhoff kann schreiben und in seiner Novellenform eine Geschichte erzählen, die wie für einen Film gemacht zu sein scheint. Was mir an „Widerfahrnis“ so gefallen hat – das, sich auf die Situation einzulassen und nicht über die nahe Zukunft nachzudenken – war mir in „Mexikanische Novelle“ etwas zu viel. Ich muss noch mehr von Kirchhoff lesen, um seinen Erzählstil ganz für mich zu erfassen. Der vorliegende Roman ist daher ein guter Vergleich und wird mich trotz der Enttäuschung erst einmal nicht daran hindern, noch weitere Werke des Autors zu lesen.

  • Gebundene Ausgabe: 180 Seiten, 21 € (D)
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (7. März 2017)
  • ISBN-13: 978-3627002367

Nika