„Bübins Kind“ von Mare Kandre

„Dieser klägliche Eindringling ist hierhergekommen und hat alles Quälende und Unerträgliche aus der Tiefe aufgewühlt – […]“

51X1kXbZiDLMare Kandres „Bübins Kind“ (Septime Verlag) ist die sprachgewaltige Erzählung eines kindlichen Ich-Erzählers, dessen Platz in der Gemeinschaft mit dem Onkel und dem Hausmädchen Bübin von einem neuen Kind verdrängt wird. Die Katastrophe bereits voraussehend, berichtet das Ich von dem Verlassen des Onkels und Bübins und dem Zurückbleiben mit dem Mädchen.

„Mein Körper ist abstoßend und schwer, ich spüre, wie sich das Blut in der weißen Knochenwiege des Beckens sammelt, und große, unbeschreibliche Angst erfasst mich.“

„Bübins Kind“ ist ein Roman, der viele Deutungsebenen zulässt und das ohne Interpretationen nicht auskommen mag. Gerade durch die erste Menstruation, die die Ich-Erzählerin während der Handlung bekommt, wird das Zurückbleiben mit dem zweiten Kind zu einem möglichen Kampf gegen das Erwachsenwerden und gegen die Pubertät. Zwar ist das Leben der beiden von nun an durch Hunger und Durst geprägt, doch keine wird zu einem rettenden Anker für die andere. Die Grenze des Kindseins soll für beide nicht überschritten werden und so vergehen die Tage in diesem kindlichen Kosmos voller Leid und Schmerz.

Im Nachwort beschreibt Aase Berg treffend auch den Roman als Roman über Einsamkeit und Trauer. Die Ich-Erzählerin bleibt mit ihren Gefühlen und Beobachtungen zurück. Untätig wird sie von ihren Bezugspersonen zurückgelassen und das sogar mit dem neuen Ersatzkind. Sie beide werden der Wildnis des nun leeren Hauses preisgegeben – hoffend und wartend auf das nicht kommende Auto, das ihr Schicksal wieder lenkt.

„Bübins Kind“ überrascht mit vielen wunderbar konstruierten Sätzen, die so gar nicht zusammenpassen wollen, aber sich dem Lesefluss und dem Inhalt anpassen, als gäbe es sie schon immer. Mare Kandres Text ist schwer und dreckig, ist aber definitiv ein Fundstück in den vielen Neuerscheinungen.

  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
  • Verlag: Septime Verlag (13. März 2017)
  • Übersetzung: Charlotte Karlsson-Hager
  • ISBN-13: 978-3902711632

Nika

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