Gegen das Vergessen: „Ort der Engel“ von Erika Fatland

Ort der Engel von Erika Fatland

Drei lang Tage nahm ein Terrorteam in einer Schule im ossetischen Beslan über 1100 Familienmitglieder und Lehrerinnen und Lehrer als Geiseln. 3 Tage lang währte ein Kampf ums Überleben, bei denen es den Geiseln mitten in der Sommerhitze  untersagt war, zu trinken oder zu essen. Beim Sturm auf die Schule kam fast ein Drittel der Gefangenen ums Leben, über 700 wurden verletzt. In „Ort der Engel“ (btb Verlag) erzählt die Journalistin Erika Fatland die Geschichte der Opfer und der Täter, der politischen Verwicklungen und der Entwicklungen des Pulverfasses Nordkaukasus, das bis heute von diesem grausamen Massaker beeinflusst wird.

Es ist der 1. September 2004, der Tag der Einschulung, als über 30 männliche und weibliche Terroristen (von vielen Augenzeugen wird die Zahl höher angegeben) die Schule 1 in Beslan stürmen und die Geiseln in die Turnhalle treiben. Welches Leid diese innerhalb der drei Tage durchleben müssen, ist kaum vorstellbar und soll hier nicht weiter geschildert werden. Das Ziel der Terroristen wird schnell klar: Sie fordern die Freilassung von gefangenen tschetschenischen Terroristen aus den inguschetischen Gefängnissen, den Rückzug aller russischen Truppen aus Tschetschenien und den Rücktritt Putins. Diese bleiben unerfüllt und so wird die Schule von den Einsatzkräften gestürmt. Erika Fatland präsentiert in ihrem Buch eine gut recherchierte Aufstellung der Ereignisse, für die sie zweimal nach Beslan reiste, um die Angehörigen der Opfer und Täter zu interviewen. Präzise setzt sie die tragischen Abläufe zusammen und schafft so ein Werk gegen das Vergessen.

„Ort der Engel“ ist ein Rundumblick der Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht.
Fast 13 Jahre sind vergangen, doch in Beslan kehrt keine Ruhe ein. Die Welt hat diese Stadt vergessen, doch die Familien der Toten wollen zu Recht nicht schweigen. Noch immer ist der Fall Beslan nicht abgeschlossen und noch immer gibt es viele Ungereimtheiten. Wie kam es zur ersten Explosion, die das Ende der Geiselnahme einläutete? Wieso konnten sich die Terroristen wochenlang nur wenige Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt aufhalten? Woher kamen die Waffen und Bomben und wie kamen sie über die stark bewachte Grenze Nordossetiens? Noch immer ist die Region eine der gefährlichsten im Nordkaukasus und auch Fatland durfte sich hier während ihres ersten Aufenthalts nur in Begleitung von Leibwächtern bewegen. „Ort der Engel“ ist ein beeindruckendes Buch, das aufrüttelt und schockiert. Es zeigt, wie schnell wir Tragödien vergessen und wie diese ganze Städte nachhaltig beeinflussen. Was im Nordkaukasus geschieht findet kaum mehr Beachtung in den Medien. Der Tschetschenien-Konflikt ist vielen ein Begriff, doch wie die Menschen noch immer leben müssen, wissen nur die wenigsten. Dieses Buch hat mich sprachlos zurückgelassen und den Wunsch geweckt, mehr über die Konflikte des Nordkaukasus zu lernen.

  • Taschenbuch: 288 Seiten, 9,99 € (D)
  • Verlag: btb Verlag (12. Dezember 2016)
  • Übersetzung: Stephanie Elisabeth Baur
  • ISBN-13: 978-3442745364
  • Originaltitel: Englebyen

Nika

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