„Mexikanische Novelle“ von Bodo Kirchhoff

41ZgFSV8PWLNachdem Bodo Kirchhoff mit „Widerfahrnis“ im letzten Jahr den deutschen Buchpreis gewonnen hatte, war ich sehr gespannt auf die überarbeitete Auflage seines Romans „Mexikanische Novelle“, der jetzt ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. In dieser Erzählung geht es um einen Reporter, der in die USA geschickt wird, um einen Artikel über einen deutschen Kampfpiloten zu schreiben. In Mexiko lernt er anschließend eine junge Frau kennen, Baby Ophelia, mit der er eine Affäre beginnt und vor sich hin lebt. Doch ausgerechnet diese Frau ist die Schwester eines Drogendealers – und als dann auch noch der Kampfpilot dazustößt und sich an den Journalisten hängt, entwickelt sich der Roman von einer lockeren Erzählung zum Vorspann einer Katastrophe.

Ähnlich wie in „Widerfahrnis“ ist auch „Mexikanische Novelle“ eine Erzähung, die dem Ich-Erzähler folgt und sich von Situation zu Situation hangelt. Zwar ist dies der generelle Aufbau jedes Romans, doch Kirchhoff macht es zu etwas Besonderem, indem die Figuren scheinbar untätig ihrem Schicksal folgen. So scheint auch die Motivation des Protagonisten, weiter in Mexiko herumzuziehen, wahllos und rein von dem Wunsch geprägt, sich treiben zu lassen. Dass er hier erneut Baby Ophelia und dem Piloten Ritzi begegnet, kann daher nur eine natürliche Entwicklung der Handlung sein, so unrealistisch es auch wirken mag. Der gesamte Leseprozess des Romans ist geprägt von dem Gefühl, dass alles etwas unnatürlich und konstruiert wirkt. Gleichzeitig ist der Zugang zu den Figuren nicht unbedingt einfach. Baby Ophelia agiert als willenlose Geliebte, die sich jedem fügt und Ritzi als Anhängsel des Journalisten, der ohne Grund dessen Spuren folgt und mit in dessen Hotelzimmer nächtigt.

„Ich löste mich aus der Klammer und sagte, mein Freund könnte jeden Moment an die Tür klopfen, und Baby Ophelia zog sich das Betttuch bis zum Kinn, wie es Frauen in albernen Filmen tun, wenn überraschend ein Fremder ins Schlafzimmer tritt.“

Obwohl Baby Ophelia der Grund der Katastrophe ist, die sich anbahnt, wird ihr im Roman wenig Platz gelassen. Generell vermitteln die Frauen in der Erzählung ein Frauenbild, dass lediglich durch Sex definiert und von Männern dominiert wird. Der ältere Mann, der sich eine jüngere Freundin sucht, um diese fast sofort mit einer Prostituierten zu betrügen, ist in „Mexikanische Novelle“ Programm. Als Hauptfigur war der Journalist für mich kein Sympathieträger, was kein Kriterium ist, dennoch wirkte er in vielen Situationen seltsam stumpf. So ist der einzige Gedanke, den er im dramatischen Finale hegt, der nach frischem, kalten Bier. Sollte hier die männliche Existenz bis ins kleinste Verlangen runtergebrochen werden?

Bodo Kirchhoff kann schreiben und in seiner Novellenform eine Geschichte erzählen, die wie für einen Film gemacht zu sein scheint. Was mir an „Widerfahrnis“ so gefallen hat – das, sich auf die Situation einzulassen und nicht über die nahe Zukunft nachzudenken – war mir in „Mexikanische Novelle“ etwas zu viel. Ich muss noch mehr von Kirchhoff lesen, um seinen Erzählstil ganz für mich zu erfassen. Der vorliegende Roman ist daher ein guter Vergleich und wird mich trotz der Enttäuschung erst einmal nicht daran hindern, noch weitere Werke des Autors zu lesen.

  • Gebundene Ausgabe: 180 Seiten, 21 € (D)
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (7. März 2017)
  • ISBN-13: 978-3627002367

Nika

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