„Der Ruf der Bäume“ von Tracy Chevalier

Tracy Chevaliers „Der Ruf der Bäume“ (Knaus) ist die Geschichte der Familie Goodenough, die in Ohio Mitte des 19. Jahrhunderts versuchen, sich mit dem Anbau von Apfelbäumen eine Existenz aufzubauen. In verschiedenen Episoden berichtet Chevalier vom Kampf ums Überleben und gegen die Feinde in der eigenen Familie. Von Apfelbäumen zu Mammutbäumen folgen wir insbesondere dem jüngsten Sohn Robert, der in Kalifornien sein Glück machen will und für einen Baumsammler zu arbeiten beginnt.

Immer weiter in den Westen –Roberts Suche nach dem Glück wird vom Ruf der der Freiheit und der Bäume begleitet. Er steht damit exemplarisch für die vielen Männer, die, oftmals in San Fransisco gestrandet, dem Goldrausch folgen und dabei kläglich scheitern. Auch Roberts Reise ist die einer umherirrenden Seele, die keine Wurzeln hat. Von der Familie im Stich gelassen sind die Mammutbäume die einzigen Lebewesen, auf die er sich verlassen kann und die sein Schicksal prägen. Tracy Chevalier hat mit ihrer Geschichte um die Baumindustrie in den USA so eine Erzählung gewählt, die die Arbeitskultur dieses Landes auf eine ganz andere Art beleuchtet und beschreibt, gleichzeitig aber auch mit einer tragischen Familiengeschichte spielt und sich damit für ein breites Publikum öffnet. Wirklich gut gelingt ihr die Beschreibung der Aufbruchsstimmung in Kalifornieren durch die vielen Goldgräber.

Negativ hervorheben muss ich die doch für mich zu einfache Charakterzeichnung. Es scheint fast so, als hätte Chevalier jedem der Charaktere nur einen Punkt zugeschrieben, der diesen ausmacht und dabei auf die Erzählvielfalt verzichtet. Es gibt die rücksichtslose Alkoholikerin, die wilde Prostituierte, den treusorgenden Vater oder die missbrauchte Schwester – hier wäre es definitiv spannender gewesen, diese Grenzen aufzubrechen und den Figuren mehr Handlungspielraum zuzuweisen. Die Autorin klappert somit leider sämtliche Klischees ab.

Mit „Der Ruf der Bäume“ Tracy Chevalier erzählt eine realistische Geschichte, die von Missgunst und Hass, aber auch von Liebe und Sehnsucht geprägt ist. Ihr Roman überrascht zwar nicht mit unvorhersehbaren Wendungen, steht aber, ähnlich wie die riesigen Redwoods, auf einem soliden Grundgerüst aus verschiedenen Erzählelementen, dass unterhält.

  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten, 19,99 € (D)
  • Verlag: Albrecht Knaus Verlag (16. Januar 2017)
  • Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
  • ISBN-13: 978-3813507232
  • Originaltitel: At the Edge of the Orchard

Nika

One thought

  1. Hallo, ich bin gerade auf deinen Beitrag gestoßen, nachdem ich meinen zur amerikanischen Geschichte hochgeladen hatte. Manchmal passt’s. Ich suche auch noch nach einem Roman, der das 18./19. Jahrhundert in den USA beleuchtet und hatte bislang immer an Little House on the Prairie/Unsere kleine Farm gedacht. Obiger Roman hört da auch passend an, allerdings scheinst du ja nicht allzu begeistert gewesen zu sein. Viele Grüße.

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