Ein Filmdreh und eine Reise in die Vergangenheit: „Der Mann mit dem Saxofon“ von Sibylle Schleicher

„Aaron hat was von einem Felsen – er strahlt so eine Ruhe aus – vielleicht ist das der Grund, warum er mich aufblättern kann wie ein Buch – und einfach darin lesen […].“

41bgtzp1pcLIn „Der Mann mit dem Saxofon“ von Sibylle Schleicher (Klöpfer&Meyer) rekapituliert die Hauptfigur Hannah ihre Erlebnisse in Lwiw (deutsch: Lemberg) in der Ukraine. In erster Linie als Schauspielerin für einen Filmdreh eingeladen, lernt sie hier bereits zu Anfang den älteren Saxofonspieler Aaron kennen, mit dem sie von nun an eine einzigartige Zeit verbringt. Schnell fühlt sie sich zu ihm hingezogen, doch die Ereignisse um den mysteriösen Aaron und die komplizierten Dreharbeiten für eine tragische Überlebensgeschichte während des Holocaust lassen sie nicht zur Ruhe kommen.

„Der Mann mit dem Saxofon“ ist ein Roman der großen Dialoge, die die Geschichte tragen. Ab der ersten Begegnung besteht zwischen Hannah und Aaron eine spezielle Verbindung, in der Aaron immer federführend agiert und Hannah dazu bringt, Dinge zu offenbaren, über die sie nie sprechen wollte. Ihre Arbeit in Lwiw ist eine Flucht vor den letzten Momenten in Deutschland, vor der möglichen Schuld am Tod ihres Geliebten, einer gescheiterten Ehe und einem Sohn, mit dem sie nichts verbindet. Hannah lässt sich von Aaron leiten. Treffpunkte sind die verschiedenen Löwen Lembergs, die das Stadtbild prägen und auch Aaron als Anführer der Gespräche symbolisieren. Es geht um Identität und Schuld – Aaron ist auf der Suche des Grabes seines Vaters, denn nur so, glaubt er, kann er seine jüdischen Wurzeln entdecken.

„Nur weil meine Landsleute die Synagoge zerstört haben, muss ich doch nicht gegen Juden sein.“

Während Hannah durch die Mischung aus den Rückblicken und vielen Tagebuchauszügen sämtliche Gefühle und Gedanken freigibt, ist Aaron ein verschlossenes Buch. Sibylle Schleicher spielt hier auch mit kriminalistischen Elementen, wenn der Roman langsam die Verbindungen zwischen Hannahs und Aarons Treffen mit den Dreharbeiten überschneidet und der Leser schneller als Hannah erahnen kann, welche Geschichte hinter Aaron steckt. Aaron als Figur ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Während Hannah sehr verletzlich ist, wirkt Aaron oft überheblich und nutzt seine Bildung, um Hannah einzuschüchtern. Nicht nur mit ihm muss Hannah sich mit der Vergangenheit und die Erbschuld der Deutschen auseinandersetzen, auch während des Filmdrehs kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und dem Team.

„Der Mann mit dem Saxofon“ ließ mich zwiegespalten zurück. Einerseits vermittelt der Roman eine sehr atmosphärische Stimmung und befasst sich mit der jüdischen Vergangenheit Galiziens, andererseits können sich die Dialoge zwischen Hannah und Aaron stellenweise auch sehr in die Länge ziehen. Die bereits erwähnte Sympathie zu den Figuren kam bei mir nicht so recht auf, wodurch die Geschichte mit meinem Leseprozess auch etwas an Spannung verlor. Positiv hervorheben möchte ich die Gespräche, die sich mit existenziellen Fragen des Lebens befassen (Was ist Liebe? Was bedeutet Identität? Wie kann man mit der Vergangenheit umgehen?) und viele kluge Gedanken und Überlegungen beinhalten. Dass Schleicher sich hier vorab auch inbesondere mit der jüdischen Vergangenheit Lwiws beschäftigt hat, spürt man auf jeder Seite.
Der Roman trifft stellenweise genau die richtigen Töne, kann aber dennoch auch überfordern. „Der Mann mit dem Saxofon“ braucht Zeit und auch viel Konzentration, dann eröffnet sich die ganze Vielfalt der Geschichte.

  • Gebundene Ausgabe: 408 Seiten, 25 € (D)
  • Verlag: Klöpfer & Meyer (22. Februar 2017)
  • ISBN-13: 978-3863514419

Nika

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