Sie kommen: „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ von Yavuz Ekinci

„Ein flüchtiger Schatten fiel mir ins Auge. Sie kommen! In den Tiefen meiner Seele wallte ein unbestimmtes Tosen auf. Ich dachte, wir müssten sofort von hier weg, und ich wurde unruhig.“

51eoqapgsjlYavuz Ekincis „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“  (Verlag Antje Kunstmann) vereint zwei Geschichten rund um den Berg Amar und den kurdisch-türkischen Konflikt. Ob Herrscher, Prophet oder König, sie alle wollten den mächtigen Berg bezwingen, doch nur das Liebespaar Sara und Amar konnte sich im Walnusstal niederlassen und ein glückliches Leben führen. Noch immer leben ihre Vorfahren im Tal, doch sie wissen, das sich dies eines Tages ändern wird, wenn ein Mann den Berg herabsteigt und die Botschaft verkündet, dass die Idylle vorbei ist.

Ekinci lässt in seinem Roman ein altertümliches Dorf auferstehen, dessen Bewohner an alte Mythen und Bräuche glauben, dennoch hat auch hier die Moderne z.B. in Form von Fernsehern Einzug gehalten. Aus verschiedenen Perspektiven gibt der Autor Einblick in den Alltag der Menschen, begleitet diesen mit der märchenhafte Erzählung Saras und Amars, um dann erneut mit der Handlung zu brechen und im letzten Teil ein „Warten auf Godot“-artiges Drama zu beschwören, wenn die Nachricht, dass die Feinde nun kommen, das Dorf in Panik versetzt. Für mich hatte gerade dieser Teil die größte Stärke des Romans, zeugt er doch vom alltäglichen Konflikt der Kurden in der Türkei, die um ihre Anerkennung kämpfen müssen und mit einer permanenten Bedrohung leben, die ihr Leben bestimmt. Die Bewohner des Dorfes, wissend, dass die gefürchteten Angreifer schon viele andere Dörfer zerstört und die Menschen getötet haben, harren aus, während sie sich immer wieder gegenseitig mit „Sie kommen!“ versuchen, aufzurütteln. Dennoch wird keiner der Protagonisten fliehen, im Gegenteil, man bereitet sich eher darauf vor, gebadet und ja nicht im Schlafanzug dem Tod entgegen zu stehen. Dass Ekinci sich hier von Samuel Becketts Theaterstück inspirieren ließ, beweist ein Zitat am Ende der Geschichte.

Die Bedrohung des Dorfes und der Kampf um die Freiheit spiegelt sich in „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ durch den hoch über den Häuser thronenden Berg wieder. Ähnlich wie sich dieser nicht versetzen lässt, ist auch das Leben im Dorf eingegrenzt. Wie der am Anfang geschilderte Kreislauf in der Tierwelt – gefressen und gefressen werden, Jäger und Beute – fügen sich die Dorfbewohner scheinbar willenlos ihrem Schicksal. Gleichzeitig ist diese Willenlosigkeit auch ein stiller Ruf nach Hilfe, wenn alles verloren erscheint. Amar und Sara kämpften für ihre Liebe und ihre Freiheit gegen die Familie und die Sitten ihrer Gesellschaft. Generationen später ist dieser Kampf immer noch allgegenwärtig und beeinflusst die Nachfahren des Paares ebenso stark.

„Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ ist eine Momentaufnahme des Schicksals eines ganzen Dorfes, das exemplarisch für die Kurden steht. Der Roman hatte für mich durchaus seine Längen, gerade, wenn es um Amar und Sara geht und die Sage um ihr Leben geht. Gerne hätte ich mehr von dem Dorfleben vor dem Schrecken erfahren und dieses literarisch länger begleitet. Die Erzählung nimmt sich teilweise viel Zeit, bevor es dann plötzlich umso schneller weitergeht. „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ ist eine Geschichte, die für einen nicht enden wollenden Konflikt steht und dies mit viel Mystik und auch ein wenig Theatralik verpackt.

  • Verlag: Kunstmann, A (8. März 2017)
  • Übersetzung: Oliver Kontny
  • ISBN-13: 978-3956141669
  • Originaltitel: Günün birinde

Nika

Published by

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s