Die Suche nach der jüdischen Identität: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ von Dmitrij Kapitelman

978-3-446-25318-6_21642113317-53“Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters” (Hanser Berlin) ist die erste literarische Veröffentlichung des jungen deutschsprachigen Autors Dmitrij Kapitelman. Er ist, wie ein mittlerweile beachtlicher Teil der deutschsprachigen Gegenwartsautoren, nicht in Deutschland geboren, sondern wanderte noch als Kind mit seiner jüdischen Familie aus Kiev nach Deutschland aus – als „Wiedergutmachungsjuden”, wie er es in seinem Buch betitelt. Das Buch kann als eine autobiografische Erzählung aufgefasst werden, zumal der Verlag bzw. der Autor selbst auf die Gattungsbezeichnung „Roman“ verzichten.

Die Erzählung fängt mit einem in der Literatur bereits mehrfach und mit unterschiedlichem Erfolg behandelten Thema der Identitätsproblematik, der Heimatlosigkeit, der Entwurzelung und der Frage nach Zugehörigkeit an. Der Vater Leonid Kapitelman ist ein Jude, der nirgendswo so richtig hingehört. Seine jüdische Identität ist durch lauter Widersprüche geprägt: Mit dem traditionellen jüdischen Selbstverständnis kann er nichts anfangen, ebensowenig mit den religiösen Vorschriften des Judentums. An was kann er also sein Jüdischsein festmachen? Das ist die Frage, die seinen Sohn Dima, der gleichzeitig als Ich-Erzähler agiert, auf die Idee bringt, mit seinem Vater eine Israelreise zu unternehmen:

„Die Wahrheit ist: Mein Vater, Leonid Kapitelman, ist unsichtbar. Und deshalb möchte ich nach Israel mit ihm. Weil ich die Vorstellung habe, dass er sich in Israel offenbart.“

Allerdings geht es hier nicht nur um die komplexe jüdische Identität des Vaters. Dima befindet sich ebenfalls auf der Suche nach der Idendität und projiziert dies auf seinen „bedingungslos“ geliebten Vater. Dima hat seine Kindheit in Leipzig verbracht. Freunde hatte er, wie viele von den Emigrantenkindern, fast keine. Eine Berlinerin war seine erste Liebe sowie die Hauptstadt selbst. Berlin wird hier überhaupt mit einem leicht romantisierenden Ton beschrieben. Oft gerät der Ich-Erzähler dabei leider mit Sätzen wie diesen in die Falle des Pauschalen und hantiert mit den einfachen Zuschreibungen:

„Dennoch ist diese Dreckstadt nach wie vor unwiderstehlich. Periodisch zumindest. Besonders für solche zum Kosmopolitismus verdammten Grübler wie mich. Heute kannst du ein Zebrakostüm in Friedrichshain anziehen, morgen als Anlageberater durch Mitte hochstapeln und am Sonntag gegen das transatlantische Wirtschaftsabkommen vor dem Kanzleramt protestieren. (…) Bergida war eine Totgeburt. NPD-Wähler wohnen höchstens in Ostköpenick, Lichtenberg und Hellersdorf. Okay, im Umland sprießen die braunen Wälder.“

Über das Jüdischsein wird im Buch viel nachgedacht und reflektiert. Eine Freundin namens Polina stellt nach einer Berliner „Russen-Party“ folgendes fest: „Weißt du, das Schlimmste daran, Jüdin zu sein, ist, dass es einen von allen anderen Zugehörigkeiten ausgrenzt, ohne einen adäquaten Ersatz zu bieten. Es ist irgendwie substanzlos und vage.“ Ist das nicht die Hauptproblematik des Vaters und des Sohnes zugleich? Ukrainer waren sie nicht; Deutsche konnten sie nie werden und richtig jüdisch ist man außerhalb Israels auch nicht.

Leonid und Dima besuchen Jerusalem und Tel Aviv und suchen zugleich nach Identität. Fühlt man sich hier „heimischer“ als in Deutschland oder gar in der Ukraine? Hat man ein besonderes Zugehörigkeitsgefühl mit den Menschen? Mit dem Land? Eine eindeutige Antwort liefert der Autor hier nicht. Doch in Israel sprechen Vater und Sohn zum ersten Mal richtig über die Vergangenheit der Familie. Dima erfährt, dass seine Vorfahren väterlicherseits alle Rabbiner waren. Israel wird so vor allem zu einem Ort, der die familiären Geheimnisse und ungelöste Konflikte an die Oberfläche bringt. Dimas Versuch, seinen Vater aus seiner „Komfortzone“ herauszuholen und das vertraute Vater-Sohn-Gespräch auf eine komplexere Ebene zu bringen, scheitert jedoch. Dima möchte alle Seiten von Israel kennenlernen, auch den palästinensischen Teil. Er reist nach Ostjerusalem und lernt dort Dina – eine GIZ Mitarbeiterin und Übersetzerin – kennen, in die er sich verliebt. Der Vater hingegen hat Angst von den Palästinensern und mit der Weltoffenheit und Toleranz des Sohnes kann er nichts anfangen. Doch irgendetwas ändert sich mit der Reise bei den Figuren grundlegend. In Deutschland angekommen hat man nun das Gefühl, jederzeit zur „Heimat, der ewig Heimatlosen“ zurückkehren und dort Schutz suchen zu können.

Dmitrij Kapitelman hat ein Buch geschrieben, das trotz einiger erzählerischen und stilistischen Schwächen, ein enorm aktuelles Thema neu aufgreift und das Fundament für eine neue Diskussionsebene vorbereitet. Eine Ebene, die durch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen weiter vertieft werden sollte. Dem Erzähler bleibt auch die aktuelle Flüchtlingsdebatte hierzulande nicht unerwähnt. Zum Schluss des Buches wirft er einige hochspannende und aktuelle Fragen auf, die zwar unbeantwortet bleiben, aber trotzdem eine neue Dimension für die aktuellen Intergrationsdebatten in Deutschland eröffnen:

„Selbst Papa prägt Deutschland. Wenn er irgendwann unbekümmert die Kippa im Magazin tragen will, muss er heute gut zu seinen neuen Einkäufern aus Syrien sein. Vielleicht sollte er gerade jetzt die Kippa aufsetzen. Vielleicht sollten wir beide das offene Verantwortungslächeln deutscher Juden lernen.“

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, 20€ (D)
  • Verlag: Hanser Berlin; Auflage: 5 (22. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3446253186

Irine Beridze

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