Die große Liebe: „Ich bin sie“ von Naira Gelaschwili

„Wie, auf welche Weise kam Er, dieser, dir völlig fremde, unbekannte Mensch näher dir, als es Mutter, Vater oder Brüder waren?“

81odwpqjvnlNaira Gelaschwilis „Ich bin sie“ ist die Geschichte der 12-jährigen Nia, die sich in den älteren Nachbarsjungen Gogi verliebt. Jeden Tag beobachtet sie ihn von seinem Fenster aus, folgt ihm und geht ganz in ihrer unglücklichen Liebe auf. 50 Jahre später begibt sich Nia auf die Suche nach ihrem einstigen Bekannten und reflektiert ihre jugendliche Sehnsucht.

„Ich bin sie“ war in Georgien ein großer Erfolg und gewann den wichtigsten Literaturpreis des Landes – für mich absolut zurecht. Mit viel Gefühl erzählt die Autorin von einer großen Liebe, die voller Schmerz ausgelebt wird. Wohl jeder wird sich in diesem Roman wiederfinden – an das Gefühl, zum ersten Mal verliebt zu sein, an den Liebeskummer, wenn diese Liebe nicht erwidert wird und daran, wenn sich alles plötzlich anders anfühlt. Nias Gefühle werden durch viele wunderschöne Gedichte unterstützt, die diese liest und die erwachsene Nia später mit ihren Studenten analysiert. Allein schon wegen dieser Gedichte ist „Ich bin sie“ Poesie und Ausdruckskraft pur.

„Deine Fernseins Nähe, die ewig übermächtige,
betäubt den Sinn, Waldrose, betörende!“

Liebesgeschichten können und müssen in der Literatur nicht immer erfüllt werden. In „Ich bin sie“ ist der Geliebte auf der anderen Hofseite zwar nah, aber dennoch ferner denn je. Nia verliert sich ganz in ihren Gefühlen. Sie schreibt „Ich liebe dich“ in den Schnee, bindet eine Blume an die Türklinke seiner Wohnung und stellt Essen vor die Haustür und versucht so, die Distanz zu überbrücken. Wenn sie ihn mit anderen Frauen sieht, verliert sie den Boden unter den Füßen und wird zu einem für ihre Familie unausstehlichen Wrack. Einzig ihrer älteren Cousine Zisana kann sie sich anvertrauen, wenn auch diese die kindlichen Verfolgungsjagden nicht lange mitmacht. Nia tut alles, um  nur einen kurzen Blick auf Gogi zu erhaschen und verliert so den Blick für ihr Umfeld. Alles dreht sich nur um Gogi.

„Ich bin sie“ besteht aus knapp 170 Seiten einer schmerzhaften Liebe. Durch die wechselnden Erzählperspektiven aus Ich-Erzählerin, auktorialem Erzähler und der direkten Anrede bricht Gelaschwili die Barriere zu den Lesern runter und schafft so nicht nur durch die geschilderten Gefühle Nias eine authentische Bindung für alle, die das Buch lesen. Trotz Nias Alter ist die Sprache immer auf einem hohen Niveau und unterstreicht das erzählerische Können der Autorin. Wer die große literarische Liebe sucht, wird sie hier finden!

  • Gebundene Ausgabe: 169 Seiten, 22€ (D)
  • Verlag: Verbrecher; Auflage: 1 (3. Januar 2017)
  • Übersetzung: Lea Wittek
  • ISBN-13: 978-3957322302

Nika

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