Die letzten unveröffentlichten Kurzgeschichten: „Eine letzte Liebschaft“ von Richard Yates

„Kirchenglocken an einem nebligen Morgen sind etwas, das man manchmal vergisst, wie zerbrechliche Porzellantassen oder Frauenhände. Und wenn man sich an sie erinnerte, lächelte man schüchtern, vor allem weil man nicht wusste, was man sonst tun sollte.“

9783421046185_cover„Eine letzte Liebschaft“ ist die letzte Veröffentlichung des verstorbenen Autors Richard Yates, die als Sammlung von Kurzgeschichten in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist. Das Buch vereint 9 realistische Erzählungen, die zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema haben. Auffallende Handlungspunkte sind der Zweite Weltkrieg, scheiternde oder entstehende Beziehungen und das gewollte Wirken auf andere Menschen.

Ich finde es immer sehr schwer, Kurzgeschichten zu rezensieren und vorzustellen, denn eigentlich hätte jede einzelne es verdient, analysiert zu werden. Yates Erzählungen haben mich nicht unbedingt überrascht, aber dennoch Lust auf mehr gemacht. Auf wenigen Seiten spinnt der Autor Begegnungen, die unterhalten. Er schreibt über Marinefrauen in Frankreich, die sich die Langeweile und das Warten auf die Ehemänner vertreiben wollen, über Tuberkulosekranke, die im Krankenhaus zu einer festen Gemeinschaft werden oder über einen Ehemann, der nach einer langen Krankheit die Genesungszeit damit verbringt, sich Gespräche mit seiner Ehefrau auszudenken, in denen er immer den kürzeren zieht. Meine Lieblingsgeschichte in „Eine letzte Liebschaft“ ist die des Rechnungsprüfers George Pollock, der nach einem von seinem Chef viel gelobten Artikel zwar beruflichen Erfolg feiert, aber kurz zuvor von seiner Frau verlassen wurde. Zwischen der Hoffnung eines gelingenden Neuanfangs und dem Schmerz und Verlust versucht George noch am selben Abend, die junge Kellnerin seines Lieblingsrestaurants zu verführen [ACHTUNG: Spoiler!] und scheitert dabei kläglich [SPOILER ENDE].

Richard Yates gehört heute zu einem der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Für mich war die Kurzgeschichtensammlung ein guter Einstieg in die Themen, die den Autor beschäftigten und gute Beispiele für seinen sachlichen Erzählstil. Dieser erscheint zwar nüchtern, ist aber dennoch oft von einer sehr poetischen Schreibweise geprägt. Dem Buch merkt man Yates` Lebenserfahrung an. Jeder Leser kann sich sicher in die Figuren hineinversetzen und mit eigenen erlebten Situationen vergleichen. Der Autor erfindet keine spannenden Helden oder actionreichen Handlungen, sondern gibt einen erwachsenen Blick auf alltägliche Situationen, wie sie in vielen Haushalten entstehen. Gerade das macht das Lesen so interessant, denn so kann man sich immer selbst die Frage stellen, wie man selber wohl reagiert oder gefühlt hätte.

  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten, 19,99€ (D)
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (26. September 2016)
  • Übersetzung: Thomas Gunkel
  • ISBN-13: 978-3421046185
  • Originaltitel: Uncollected Stories

Nika

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4 thoughts on “Die letzten unveröffentlichten Kurzgeschichten: „Eine letzte Liebschaft“ von Richard Yates

  1. Schöne Besprechung für einen Autor, der zu Lebzeiten leider nicht viel Ruhm ernten konnte, meines Erachtens aber zu den besten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehört. Habe bisher noch nichts schlechtes von ihm gelesen. Einer der wenigen, der den „American Dream“ zurechtgestutzt und die Realität wie sie ist ungeschminkt gezeigt hat.

    Toller Blog nebenbei. Werde diesem ab sofort mit Interesse folgen!

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  2. Dabei wünsche ich Dir viel Spaß! Falls es Dich interessiert: Habe im letzten Jahr mit einem „Yates“-Marathon angefangen und werde nach und nach mehrere seiner Werke besprechen. Die Rezensionen zu „Easter Parade“ und „Elf Arten der Einsamkeit“ kannst du auf meinem Blog bereits nachlesen.

    Schönen Abend noch und liebe Grüße zurück!

    Gefällt 1 Person

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