„An den äussersten Flüssen des Paradieses“ von Annemarie Schwarzenbach

„Ganz Palmyra lag unter einem weissen, glänzenden Licht, und man sah die Stadt und das Ruinengebiet und die leere Sandfläche dazwischen fast wie eine Luftspiegelung in dem tödlich weissen Himmel.“

51grhhgm00lMit „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ haben der Lenos Verlag und Roger Perret eine beeindruckende Sammlung von Reiseberichten veröffentlicht, die die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach von 1933 bis 1942 über ihre Begegnungen und Erfahrungen in Europa, Russland, im Nahen Osten und in den USA verfasst hat. Schwarzenbach spannt den Bogen hierbei in poetischer Sprache von märchenhaften Beschreibungen der Landschaften in Syrien, dem Libanon, dem Iran und Irak bis zur sozialkritischen Studie in den USA und Europa.

Schwarzenbachs Sammlung und Reiselust entstand zu einer Zeit, als die Welt kurz vor dem Abgrund stand. Während sich Europa und die USA für den Krieg rüsten und der Antisemitismus den ganzen Kontinent beherrscht, sind auch die Tage des idyllischen Paradieses in Vorderasien gezählt. Durch Schwarzenbachs Texte offenbart sich eine Welt, die es heute nicht mehr gibt, in der die USA so für die Schriftstellerin und Journalistin zu einem düsteren und dreckigen Lebensumfeld werden, während sie voller Sehnsucht Richtung Orient blickt. Immer wieder reflektiert sie in ihren Erzählungen auch den Zustand des Reisens und des „Immerweiterziehens“.

„Dies ist […] die größte Gefahr einer langen Reise: Da man beständig aufbricht oder die Zeit möglichst nützlich und ohne allzu große Ermutigungen ausfüllt bis zum nächsten Aufbruch und dann jedesmal wieder abrechnet, als sei es endgültig, so ist man sich ständig bewusst, dass Tage derart vergehen und dann Monate, und dass ganze Leben nur aus einer kleinen Zahl solcher Unternehmungen besteht.“

Mit viel Mut stürzt sich die Autorin in ihre Reisen, zu einer Zeit, als man nicht so einfach in ein Flugzeug stieg, um einen anderen Kontinent zu besuchen. Die Sammlung aus dem Lenos Verlag zeigt Schwarzenbach als eine zerrissene Seele, die immer zwischen dem Zuhause und dem Fernen schwankt, während ihr Heim, die neutrale Schweiz, vom Zweiten Weltkrieg umringt wird. Immer scheint sie auf der Suche zu sein und kommt nicht an ihr Ziel. Zeit nimmt sie sich lediglich für die wunderschönen Beschreibungen von Sonnenuntergängen, kleinen Dörfern und Wanderungen in der Natur, die die erste Hälfte dieses Buches ausmachen und dann relativiert werden, wenn Schwarzenbach über ihre Reisen nach Deutschland, in das Baltikum und die Tschechoslowakei schreibt. „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ wird somit zu einer Reportage, die zum Träumen einlädt, aber auch die bittere Realität nicht verschweigt und zum Nachdenken anregt.

Mich haben die kurzen Länderstudien sehr begeistert und beeindruckt. Konnte ich mir durch die authentischen Beschreibungen des Orients die Marktplätze in Syrien und Co. bildhaft vorstellen und fast schon den Wüstenwind auf meiner Haut spüren, werden die Berichte auch dadurch besonders interessant, wenn diese von Briefauszügen an Schwarzenbachs Freunde und Tagebuchauszüge begleitet werden. Für „An den äussersten Flüssen des Paradieses“ möchte ich eine große Empfehlung aussprechen!

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten, 24,90€ (D)
  • Verlag: Lenos; Auflage: 1 (2. November 2016)
  • ISBN-13: 978-3857874703

Nika

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