Berlin, Anfang der 1930er: „Mr Norris steigt um“ von Christopher Isherwood

91a02clcdulChristopher Isherwoods Berlin-Roman „Mr Norris steigt um“ (Hoffmann und Campe) ist die Geschichte des Engländers  William Bradshaw, der 1931 im Zug nach Berlin den dubiosen Kaufmann Arthur Norris kennenlernt und sich mit diesem anfreundet. Was folgt ist eine turbulente Freundschaft, die den bis dato eher unpolitischen William in die Tiefen des Kommunismus bringt und ihm gemeinsam mit Arthur ein wildes, auf der Kippe stehendes Berlin aufzeigt, indem der Vormarsch der Nationalsozialisten kurz bevorsteht.

„Mr Norris steigt um“ war für mich nicht unbedingt in erster Linie ein politischer Roman, obwohl der Klappentext es bereits anspricht. Im Mittelpunkt steht das Berlin zum Anfang der 30er Jahre, das zwar voller Leben ist, indem es aber gleichzeitig brodelt, denn die politischen Entscheidungen werden immer tragender. Auch William entgeht dem Sog des wilden Treibens nicht und lernt durch Arthur lauter illustre Gestalten kennen, die sein Leben auf den Kopf stellen. Isherwood hat hierbei eine bunte Ausgangslage für den ernsten Ton des Romans geschaffen, der mir sehr gefiel. Der Übergang vom lockeren Alltag zum Ernst des Lebens gelingt ihm fließend und der Roman besticht in der ersten Hälfte durch eine unterschwellige Komik, die „Mr Norris steigt um“ prägt und die Figuren lebendig macht. Der Roman zeichnet sich gleichzeitig durch eine starke Charakterbildung aus. Isherwood belebt seine Figuren durch detaillierte Beschreibungen.

Vom zurückhaltenden Importeur und Exporteur zum selbstbewussten Redeschwinger auf kommunistischen Kundgebungen – gerade Arthur Norris ist als Namensgeber des Buches ein gelungener Handlungsmittelpunkt und vielschichtiger Charakter, dessen Entwicklung man voller Spannung verfolgt. Wird er zu anfangs als unsichere Figur eingeführt, wird Arthur mit jedem Kapitel zu einer Entdeckung. Auch der Roman hält sich an dieses Schema, wenn Isherwood mit jedem neuen Beginn eine weitere Schicht rund um William, Arthur und Co. freilegt und diesen so vom reinen Berlin-Roman zum Politthriller ausgestaltet, bei dem die Partys durch politische Kundgebungen und harmlose Treffen zu wichtigen Geschäften rund um Spionage, Verrat und Geld ersetzt werden. „Politthriller“ ist hier allerdings etwas irreführend, denn wer eine packende Spionagegeschichte zwischen Nazis und Kommunisten erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Isherwoods Erzählweise ist eine seichte, die die Spannung nicht mit großen Worten und Taten wiederspiegelt, sondern eher unter der Oberfläche des Textes damit spielt. Dies mag auch daran liegen, dass William als bloßer Beobachter des Geschehens agiert und eine neutrale Haltung bewahrt, wodurch der Aufstieg der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler durch seine Augen trotz der wachsenden Bedrohung deutlich harmloser erscheinen mag. Selbst, als William wissentlich als Spielfigur Arthurs für den Kommunismus eingesetzt wird, erscheint dieser merkwürdig unbeteiligt.

Ich hätte mir von diesem Roman mehr Mut gewünscht. Mehr Mut darin, die Stimmung Berlins nicht nur einzufangen, sondern auch durch den Engländer William kommentieren zu lassen. Wie auch die Hauptfigur verbrachte Isherwood die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin und hätte William so eine realistische Haltung geben können, die nicht nur damit endet, dass William Deutschland mehr aus Lust und Laune wieder verlässt. „Mr Norris steigt um“ ist dadurch eher ein Unterhaltungsroman, der auch in einem anderen Land hätte spielen können, da er durch die Figuren lebt und weniger durch das politische Umfeld. Nichtsdestotrotz hat er mir Spaß gemacht und mich nicht enttäuscht.

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten, 22€
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH (15. November 2016)
  • Übersetzung: Georg Deggerich
  • ISBN-13: 978-3455405811

Nika

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