Eine Reise durch die Nordwestpassage: „Eisgesang“ von Kathleen Winter

„Seit meiner Rückkehr in den Süden war ich nicht mehr dieselbe. Jedes Blatt, jeder Stein, jede Wolke erzählte mir von der Botschaft, die der Norden mir zu vermitteln versucht hatte.“

coverDie Nordwestpassage: Erst ein Traum der Polarforscher, nun Wirklichkeit. Seit jeher wurde die gefährliche Strecke von mutigen Männern versucht zu passieren, viele ließen dabei ihr Leben im ewigen Eis. In „Eisgesang“ (btb Verlag) wagt sich die Autorin Kathleen Winter auf die Spuren dieser magischen Route und begleitet als Passagierin auf einem russischen Eisbrecher zahlreiche Forscher und Schaulustige auf dieser spektaklären Route von Kanada nach Grönland.

Kathleen Winters Buch über ihre Erfahrungen an Bord des Schiffes und auf den diversen Inseln und Landstrichen, die auf der Route der Nordwestpassage passiert werden, führen den Leser durch ihre spirituelle Reise. Immer wieder reflektiert sie, geprägt von der Einsamkeit des Eises und dem Leben der Einwohner der kanadischen und dänischen Außenposten sowie der Inuit, ihre eigenen Erinnerungen und Träume und gewährt so einen intimen Einblick in ihre Vergangenheit. Sie ist nicht an Bord, um den Norden mit den Geologen oder Vogelbeobachtern zu erkunden, sondern entscheidet sich bewusst dafür, ihr Empfinden für die Landschaft zu öffnen und von den rein wissenschaftlichen Zielen der anderen Teilnehmer Abstand zu nehmen. Dabei schließt sie u.a. auch Freundschaft mit einer Inuit-Frau, die ihr von ihrem Volk und deren Sagen berichtet.

„Auf unserer Reise hatte ich begonnen, alles von einem anderen Blickwinkel zu betrachten als dem, den ich von meinen Vorfahren und meiner eurozentrischen Erziehung übernommen hatte.“

„Eisgesang“ ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht und Sachbuch. In kurzen Ausflügen berichtet Winter über die Geschichte der Nordwestpassage und der Inbesitznahme des nordamerikanischen und grönländischen Gebietes durch Kanada und Dänemark. Sie erzählt von den vielen dadurch bedingten Veränderungen, die die Inuit erleiden mussten und macht klar, dass dieses Stückchen Erde, das wir und unsere Vorfahren als „Die neue Welt“ bezeichnen, eine Welt ist, die für die ursprünglichen Ureinwohner jahrhundertelang bereits ein Zentrum des Lebens war. Der Lebensraum der Inuit wurde nicht nur durch den Bau von Militär- und Wirtschaftsposten eingeschränkt, auch unter Zwangsumsiedlungen und Ausbeutung mussten sie leiden, während es mit den neuen Herrschern immer wieder zu Konflikten kam. Winter bindet diese Begebenheiten immer wieder in ihre Begegnungen und Erfahrungen vor Ort ein, schneidet die historischen und politischen Fakten hierbei allerdings nur an. In erster Linie agiert der Text als Weiterführung ihres Tagebuches auf See, was zu einer Enttäuschung führen kann, erhofft man sich ein wenig mehr Informationen zur spannenden Geschichte dieses Gebietes.

Kathleen Winter ist eine Autorin, die in diesem Buch nichts verheimlicht. Sie schreibt viel über ihre erste fehlgeschlagene Ehe und den traumatischen Umzug ihrer Familie von England nach Neufundland in jungen Jahren, der für sie zu einer Entwurzelung führte und oft hat man das Gefühl, das Winters hier vermitteln möchte, wie tragisch ihr Leben bisher verlief – trotz einer nun glücklichen zweiten Ehe und zweier Töchter. Berichtet sie dann noch, wie sie sich von den Forschern auf dem Schiff bewusst abgrenzt (und dies in einer in meinem Empfinden abwertenden Haltung dieser Arbeit gegenüber), muss ich gestehen, dass ich an diesem Buch nicht immer Gefallen hatte, denn teilweise wirkten mir die Passagen zu konstruiert. Vielleicht liegt diese gefühlte Konstruktion an der Berufsschriftstellerei, die Winter bei ihren Texten, auch die ihres Tagebuches, immer auch an die Leser denken lässt und wie diese die Worte aufnehmen könnten.

Winters „Eisgesang“ ist definitiv ein ganz eigener Bericht über das In-sich-selbst-Ankommen. Das Buch macht aus der Nordwestpassage in der Mischform aus Gefühl und Fakten eine Zeitreise in die Vergangenheit und Zukunft der Autorin. Über die 320 Seiten entsteht so eine tiefe Verbindung Winters zu diesem Gebiet, die der Leser hautnah erlesen kann.

  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (14. November 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Elke Link
  • ISBN-13: 978-3442754540
  • Originaltitel: Boundless. Tracing Land and Dream in a New Northwest Passage

Nika

Published by

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s