Zwei historische Figuren, ein Schicksal: „Der ausgestopfte Barbar“ von Gergely Péterfy

„Ein Memensch ist ein freier Mensch. […] Ein Memensch steigt, bevor er selbstidentisch wird, aus allem, was er von Geburt aus war, und begibt sich auf eine Wanderung“

51qqbumiqelDer Nischen Verlag steht für anspruchsvolle ungarische Literatur, die von dem in Österreich lebenden Ehepaar Zsóka und Paul Lendvai herausgegeben wird. Zwar erscheinen nicht viele Übersetzungen pro Jahr (alle komplett selbst vom Ehepaar finanziert!), doch diese werden mit viel Herzblut veröffentlicht und nachdem ich den Verlag auf der Buch Wien entdeckte und Paul Lendvais Vorstellung seines neuen Buches („Orbáns Ungarn“, Kremayr & Scheriau) auf der ORF-Bühne verfolgte, war ich sofort Feuer und Flamme für den Werdegang des Nischen Verlages. Durch mein Auslandssemester in Budapest schlägt mein Herz für die ungarische Kultur und Sprache und ich habe mich ungeheuer gefreut, Gergely Péterfys „Der ausgestopfte Barbar“ für den Verlag rezensieren zu dürfen. Im deutschsprachigen Raum ist dieser historische Roman kaum bekannt, während er in Ungarn bereits in der 5. Auflage mit insgesamt 15.000 Exemplaren erschienen ist und dort als einer der größten letzten Erfolge des ungarischen Buchmarktes zählt.

„Der ausgestopfte Basar“ erzählt die Geschichte zweier Persönlichkeiten, die wirklich gelebt haben: Angelo Soliman und Ferenz Kazinczy, deren Schicksale in diesem fast 600 Seiten starken Roman von der Erzählerin Sophie Török verknüpft werden. Sie beide waren Gefangene der Gesellschaft und des Glaubens. Während der Schriftsteller und Vordenker Kazinczy aufgrund seines Freimaurer- Vordenkertums über 6 Jahre in diversen Gefängnissen verbringen musste und auch danach nie mehr völlig frei war, kam Soliman als Sklave aus Afrika nach Wien, um hier die feine Gesellschaft als Diener und Attraktion zu bespaßen. Selbst nach Solimans Freilassung und der Gründung einer Familie konnte sich der Universalgelehrte, als nur einer von zwei Schwarzen in Wien, nie von den Fesseln der Menschen und ihrer Vorurteile lösen. Mit einem makaberen Einfall setzte er sein Testament auf und wollte den Gaffern nach seinem Tod den Spiegel vorhalten. Es sind seine Freunde, die seine Haut für die Ausstellung im Hof-Naturalien-Cabinet auf einer Holzstatue aufspannen mussten und Soliman zu einem Präparat seiner „Rasse“ werden ließen.

Es fällt mir nicht leicht, die Handlung dieses Romans zusammenzufassen, denn so viel hat Sophie, die Ehefrau Ferenc` zu berichten. Es sind raue Zeiten, denn nach der Französischen Revolution und mit dem Ausbruch der Cholera in den Dörfern ist auch in Ungarn das Leid groß. Detailgetreu berichtet die Protagonisten vom Kampf für die Freiheit und um das Überleben, von den politischen Verfolgungen, Familiendramen und dem Fall von der einstigen reichen und angesehenen Familie zur armen Gemeinschaft, die noch nicht einmal von der eigenen Verwandtschaft unterstützt wird. Erstaunlich hierbei ist, dass die Erzählung als inneren Monolog fast komplett ohne den Einsatz der wörtlichen Rede auskommt und Sophie somit immer die Überhand über das Berichtete behält. Als Leser muss man ihr vertrauen und sich in die Geschichte fallen lassen, die damit doch recht holprig beginnt. Ein Umstand, der mich auf den ersten hundert Seiten ein wenig ratlos zurückgelassen hat.

Soliman und Kazinczy waren für mich bis dato zwei unbekannte Namen, die in „Der ausgestopfte Barbar“ lebendig werden. Geschickt verbindet Péterfy historische Ereignisse und Persönlichkeiten, ohne, dass der Roman damit überladen wird. Die schriftstellerische Freiheit, aus den Biografien der beiden Protagonisten eine spannende Erzählung zu machen, versteht er meisterhaft. „Der ausgestopfte Barbar“ ist ein historischer Roman, der auf den ersten Blick in seiner Erzählweise gar nicht so historisch wirkt, erscheint die Sprache doch recht modern und  Sophie, Soliman und Kazinczy sind in ihren Ansichten der damaligen Zeit weit voraus. Als einfacher Roman zum schnellen Weglesen, um in eine andere Zeit zu versinken, eignet er sich nicht. Liebe, Hoffnung und Freude lassen sich nur selten in diesen Seiten erlesen. Die Protagonisten leben in einer dunklen Zeit – dies beweist der Autor fast durchgehend, jedoch ohne dabei zu übertreiben.

Es ist eher ein Gefühl, das ich nicht genau erklären kann, das mich dazu bewegt, dem Roman nicht die volle Punktzahl zu geben, denn der Funke ist letztendlich nicht vollständig übergesprungen. Sophie agiert lediglich als erzählende Ehefrau, während Soliman und Kazinczy in meinen Augen dadurch etwas eindimensional erscheinen, da alles aus Sophies Hand kommt. Es hätte dem Roman daher sicher nicht geschadet, doch ein wenig mehr auf Dialoge zu setzen, um die Figuren so menschlicher werden zu lassen. Gleichzeitig gab es ein Ungleichgewicht zwischen den Berichten über die Protagonisten und gerne hätte ich mir ein wenig mehr zu Soliman gewünscht. „Der ausgestopfte Barbar“ wird mit seiner interessanten Erzählung dennoch einen Ehrenplatz in meinem Regal bekommen – einen Platz, der hoffentlich als Anfang für weitere Romane aus diesem tollen Verlag steht.

„Man muss versuchen, gegen Dummheit, Provinzialismus und Bosheit zu wirken. Unsere Bücher sollen dabei helfen.“ Paul Lendvai (Quelle: Nischen Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten, 28€
  • Verlag: LZ.Nischen Verlag; Auflage: 1 (15. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3950390629

Nika

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3 thoughts on “Zwei historische Figuren, ein Schicksal: „Der ausgestopfte Barbar“ von Gergely Péterfy

  1. Seit einem Austauschjahr in Ungarn lese und schätze ich ungarische Literatur auch sehr (scheint in den letzten Jahren auch zunehmend mehr im Kommen begriffen zu sein, habe zuletzt Neuerscheinungen von Dragomán, Borbély gelesen und mich gefreut, so etwas auf Deutsch in den Händen zu halten). Auf den Nischen Verlag bin ich aber erst durch deinen Beitrag hier aufmerksam geworden, vielen Dank dafür!

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