10 Tage in Südafrika: „Vermessenes Land“ von Imraan Coovadia

coovadia_tales_gr_gerImraan Coovadias „Vermessenes Land“ (Verlag Das Wunderhorn) wird im Klappentext passend als „Kaleidoskop südafrikanischer Wirklichkeiten“ beschrieben. In zehn Tagen, die im Zeitraum von 1970 bis 2010 spielen, beschreibt der Autor anhand von den verschiedenen Figuren die politische und gesellschaftliche Situation des Landes und gibt Einblick in den Kampf gegen die Apartheid.

Ob schwarz oder weiß, die Protagonisten des Romans streben allesamt nach Gerechtigkeit und einem erfüllten Leben. Dass gerade diese für uns doch so normale Freiheit gerade nicht selbstverständlich ist, zeigt Coovadia in „Vermessenes Land“ wunderbar. In mal kürzeren, mal längeren Abschnitten führt er seine Charaktere wie in Blitzlichtern ein und wirft den Lesern auf einen beliebigen Tag. Wir lesen von Ann und Neil, die für den „International Defence and Aid Fund for South Africa“ arbeiten und in den Fokus der Gegner geraten, von Victor, der, aus Lesotho kommend, auf die Hilfe zwielichtiger Bekannter angewiesen ist, um in Südafrika seinen Lebensaufenthalt zu bestreiten und der Familie um Yosh und Katoori, die trotz des erlangten Reichtums nie richtig in den höheren Kreisen akzeptiert werden. Nach dem Lesen bleiben nicht unbedingt die einzelnen Situationen hängen, sondern eher ein Gesamteindruck einer Gesellschaft, die von der Rassentrennung geprägt ist und den Menschen vorschreibt, welche Zukunft sie rein auf der Hautfarbe basierend annehmen müssen.

10 Tage, 40 Jahre –  Coovadia stellt sich in „Vermessenes Land“ der Herausforderung, komplexe historische Zusammenhänge und Zustände Südafrikas mit einzelnen Situationen anzureißen. Die Betonung liegt hierbei auf „anzureißen“, denn dass der Roman auf den knapp 350 Seiten nicht alles näher erläutern, hatte ich mir zwar schon gedacht, hätte mir dennoch eine Art Glossar oder ein Nachwort gewünscht, dass alles noch ein wenig beschreibt. So legt der Autor mit der Erzählung eine poetische Art und Weise vor, die Geschichte eines Landes zu verarbeiten und auf Missstände hinzuweisen. Es ist definitiv ein Vorteil, sich mit Südafrikas Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit (nicht nur gegen die Apartheid) auszukennen, ohne Hintergrundwissen ist die Gefahr groß, „Vermessenes Land“ nicht zuordnen zu können. Ich bin mir sicher, dass ich einige Kapitel mit mehr Kenntnissen besser hätte verstehen können und dass dadurch einige Situationen trotz großer Bedeutung leicht von mir überlesen wurden. So beschränkten sich meine Erkenntnisse leider teilweise mehr auf die Wiedererkennung der Figuren und dem Interesse an deren Werdegang als auf das geschichtliche Verständnis, das ich mir ebenfalls gewünscht hätte. Dies ist nicht unbedingt eine Schwäche des Romans, denn somit kann jeder Leser die Essenz aus den wiedergegebenen Tagen ziehen, der für ihn eine Bedeutung hat.

Auch mit „Gezeitenwechsel“ hatte sich Coovodia bereits auf die Reise um Südafrika im Umbruch begeben. Da mich dieses Buch aktuell begleitet, bin ich sehr gespannt auf die Geschichte um eine Ehefrau, die in Südafrika nach dem gewaltsamen Todes ihres Ehemannes auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Für mich stellt sich die Frage, wie der Autor hier mit einer einfacheren Handlung auf sein Heimatland eingeht. „Vermessenes Land“ möchte ich 3,5 Sterne geben. Ich bin zwiegespalten, ob es als Einsteigerbuch in die südafrikanische Gesellschaft zu empfehlen ist. Einerseits gibt es Anstöße, die sich mit den Seiten immer mehr verknüpfen, andererseits kann auch einiges verloren gehen. Coovadia hat auf jeden Fall eine sehr spannende Art gewählt, die Geschichte Südafrikas über die Jahrzehnte zu verknüpfen.

  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten, 26,80€
  • Verlag: Das Wunderhorn; Auflage: 1. (15. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3884235331
  • Originaltitel: Tales of the metric System

Nika

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2 thoughts on “10 Tage in Südafrika: „Vermessenes Land“ von Imraan Coovadia

  1. Ich bin noch mitten in der Lektüre (in den 1990er-Jahren), finde es jedoch sehr interessant und auch sehr gut geschrieben. Dass er den Blick auf das Apartheid-System durch die Augen verschiedener Figuren wirft, ist eine ganz interessante Lösung – es zeigt, wie tief die Spaltung einer Gesellschaft durch Rassismus sein kann.

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