Aserbaidschans banned Book: „Steinträume“ von Akram Aylisli

„Frei-heit! Rück-tritt! Ka-ra-bach! In den letzten Tagen hatten diese Menschen ihren Wortschatz noch um drei kurze Sätze ergänzt: Du bist Ar-me-nier! Du musst sterben!“

51kcztdv7dlAkram Aylislis „Steinträume“ (Osburg) behandelt die Konflikte zwischen Aserbaidschan und Armenien. Immer wieder werden Armenier in Baku und anderen Orten verfolgt und grausam umgebracht. Als der aserbaidschanische Schauspieler Sadai Sadygly einem Mann zu Hilfe kommen möchte, gerät auch er in das Gemenge und wird lebensgefährlich verletzt. In weiteren Teilen erzählt die Geschichte von der Vergangenheit Sadyglys – von den ruhigen Jahren in seinem Heimatort Aylis, als alle noch unabhängig von Herkunft und Religion friedlich zusammenlebten.

„Dieses Werk hatte ich bereits zum Sommer 2007 fertiggestellt. Doch es zu veröffentlichen, konnte ich mich nicht entschließen.“

„Steinträume“ gehört zu der Sorte von Büchern, die ihre volle Kraft für mich erst dann entfalten, wenn ich die Nachworte gelesen habe. Der Roman lässt die Leser direkt in einen Konflikt fallen, dessen Wurzeln tief in der armenischen und aserbaidschanischen Bevölkerung verankert sind, dieser wiederum wird im Nachwort etwas aufgeschlüsselt und verständlich erklärt. Ich möchte diesen hier nicht wiedergeben, da dies den Rahmen sprengen würde. Nur so viel sei gesagt: „Steinträume“ ist ohne Vorwissen nicht unbedingt die beste Einstiegslektüre, setzt aber in poetischen Worten einen wichtigen Anfang für eine Feindschaft, die immer noch hochaktuell ist und von der man (außer im Rahmen der derzeitigen Diskussion um die Einstufung der Massenmorde während des Ersten Weltkrieges an Armeniern durch das Osmanische Reich als Völkermord) hier in Deutschland leider viel zu wenig erfährt. Aylislis hat mit der Veröffentlichung dieses politischen Romans seine Heimat verloren und ihn zum meistgehassten Mann Aserbaidschans gemacht.

„Dichter Nebel hat die Welt vollkommen verschlungen. Aber die Welt kann nicht einfach aus Nebel bestehen. Dahinter muss noch etwas sein.“

„Steinträume“ unterteilt sich in 5 Teile, die sich für mich für mein Verständnis stark unterschieden und die im Krankenhaus als auch im Heimatdorf des Protagonisten spielen. Teilweise hatte ich durch das fehlende Hintergrundwissen das Gefühl, nicht mitzukommen und hätte gerne einen Begleitkommentar gehabt, ähnlich wie in den früheren Deutschlektüren aus der Schule. Gleichzeitig vermitteln die Kapitel alle ein beklemmendes Gefühl, das den Roman auch das Wissen der kaukasischen Geschichte sehr wirksam macht. Es ist erschreckend zu lesen, wie in Aylis aus Nachbarn Feinde wurden und wie hilflos die Protagonisten sind, die mit der Sympathie zu Armenieren auch selber zu Opfern werden.

Die vorliegende Erzählung bekommt von mir 4,5 Sterne, wobei die Erzählung an sich für mich bei 3,5 Sternen lag, dann aber mit den anschließenden Worten des Autors sowie des Journalisten Ernst von Waldenfels noch einen Punkt bekam. „Steinträume“ ist ein wichtiges Werk, das es definitiv Wert ist, gelesen und geachtet zu werden. Wurde Aylislis in seiner Heimat zum Geächteten, sollte er bei uns umso mehr gewürdigt werden.

  • Gebundene Ausgabe: 238 Seiten, 20€ (D)
  • Verlag: Osburg Verlag GmbH; Auflage: 1. (3. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Annelore Nietschke
  • ISBN-13: 978-3955100742
  • Originaltitel: Kammenye Sny

Nika

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