Eine Frau mit dem Temperament eines Wirbelsturms: „Clara Rilke-Westhoff. Eine Biographie“ von Marina Bohlmann-Modersohn

Gibt es Fotographien von Clara Rilke als junge Frau, auf denen man sie lächeln sieht? In der Regel ist ihr Blick ernst, der unter dichten Brauen aus ihren auffällig großen, dunklen Augen fällt. Die leicht heruntergezogenen Mundwinkel verleihen ihren Gesichtszügen etwas Verhärmtes, Kummervolles.

„Clara Rilke-Westhoff. Eine Biographie“ von Marina Bohlmann-Modersohn, S.188, btb 2015.

729_12310_151712_3_xxlInhalt: Clara Rilke Westhoff, 1878 als Tochter eines Kaufmannes in Bremen, entschloss sich im Alter von 17 Jahren nach München aufzubrechen, um dort ihre künstlerische Laufbahn zu beginnen. Schon bald stellte sich ihre wahre Berufung heraus: sie wollte Bildhauerin werden. Finanziell und gedanklich von ihrem liberalen Elternhaus unterstützt, besuchte sie einige Bildungsstätten in Deutschland und Frankreich und verfolgte schrittweise ihren Traum. Ein besonderes Highlight ihrer Künstlerkarriere war ihre Verbindung zu dem französischen Bildhauer August Rodin, dessen Schülerin sie wurde. Er schätzte ihre Begabung und lobte wiederholt ihre Werke. Im Lauf der Jahre konzentrierte sie sich vor allem auf die Herstellung von Porträtbüsten. Nach ihrem Tod, 1954, geriet ihr Schaffen, im Großen und Ganzen in Vergessenheit. Der Nachwelt ist sie in erster Linie als Gattin des berühmten Dichters Rainer Maria Rilke bekannt.

Rezension: Die ebenfalls in Bremen geborene Autorin, Marina Bohlmann-Modersohn, lässt in ihrer sehr umfangreichen Biographie über eine der begabtesten Bildhauerinnen ihrer Zeit, in erster Linie die Quellen, in Form von Briefen und Tagebucheinträgen sprechen. Diese verleihen diesem Buch eine erfrischende Lebendigkeit, so als wäre man selbst Zeitzeuge in dem Leben der Künstlerin gewesen. Im Abbildungsteil des Buches, sind einige Porträtbüsten von Clara Rilke-Westhoff zu sehen, welche beeindruckend ihr großes Talent widerspiegeln.

Worpswede, 1898: Zurück im Norden, bekam sie Unterricht von Franz Mackensen und hielt sich oft am Barkenhoff des Künstlers Heinrich Vogeler auf. Eine besonders innige Freundschaft verband sie mit der Malerin Paula Modersohn (* 1876 – 1907), geborene Becker (ihr Porträt von Clara aus 1905 ziert auch das Cover diese Buches). Als Clara 1901, im Alter von 23 Jahren, den Dichter Rainer Maria Rilke heiratete, ließen sich die beiden in ein kleines Haus in Westwede und bekamen eine Tochter, Ruth. Doch die Idylle sollte nicht von langer Dauer sein – im Gegenteil es brachen für die kleine Familie harte Zeiten an. Aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation sahen sich die beiden, schweren Herzens, gezwungen, ihr Heim aufzulösen und ihre Heimat zu verlassen. Sie versuchten in zahlreichen Auslandsaufenthalten, oftmals unabhängig von einander, krampfhaft neue Aufträge zu bekommen. Es begann eine Odysse, worunter vor allem Clara fürchterlich litt, da sie zu allen Sorgen rundherum, auch noch von ihrem Kind getrennt, alleine arbeiten musste. Auch von ihren Freunden in Worpswede, sah sie sich im zunehmenden Maße gezwungen, Abstand zu nehmen. Ihre beste Freundin, Paula, litt besonders darunter. Es fiel ihr schwer, sich in das Leben ihrer Freundin hineinzuversetzen, da sie selbst, durch ihre Heirat mit dem Maler Otto Modersohn, frei von finanziellen Sorgen war und sich so ungestört ihrer Leidenschaft, dem Malen, hingeben konnte.

Claras Ehemann, hingegen, war ihr so gesehen, jedenfalls keine große Stütze; einerseits durch sein schwaches Immunsystem und andererseits durch seine ständig wechselnden Damenbekanntschaften. Nach all den harten, entbehrungsreichen Jahren, fasste sie 1911 einen Entschluss (Zitat siehe Seite 258):

Clara Rilke erkennt, dass sie so nicht weiterleben möchte. Sie spürt, dass sich dem unsteten Rilke’schen Rhythmus und seiner Theorie der besitzlosen Liebe nicht länger unterwerfen kann und will. Für ihre künstlerische Arbeit braut sie Ruhe, Konzentration, Kontinuität. Schluss mit dem Nomadenleben. Sie möchte jetzt endlich den lang ersehnten Halt finden und für sich und ihr Kind eine Existenz aufbauen.

Trotz ihrer Trennung von Rainer Maria, bleibt sie mit ihm, schon alleine wegen ihrer gemeinsamen Tochter, bis zu seinem Tod, 1926, in freundschaftlicher Verbindung. Aufgrund seiner wachsenden Bekanntheit, war es ihm dann doch möglich geworden, seine Familie eigenständig, finanziell zu unterstützen.

Wie der Lektüre ihrer Biographie zu nehmen ist, war Clara Rilke Westhoff eine toughe Persönlichkeit, eigenständig, arbeitsam, leidensfähig, anpassungsfähig und allseits beliebt. Trotz ihrer offensichtlich außergewöhnlichen, künstlerischen Begabung, war sie ein Leben lang gezwungen, um die Anerkennung ihrer Werke zu kämpfen.Sie war hin und her gerissen zwischen diversen Verpflichtungen – die einer Mutter, Ehefrau, Hausfrau und Künstlerin. Es scheint einem nur allzu verständlich, dass ihr Wesen sich dadurch, geprägt durch etliche Jahre der Entbehrungen und ständigen Ortswechsel, veränderte. Dieses Leben hinterließ seine Spuren und Clara verfiel zunehmend in eine depressive Phase. Doch es wäre nicht sie gewesen, wenn sie sich nicht wieder aufgerafft hätte, trotz aller Schicksalsschläge der kommenden Jahre. Durch ihre offene, sympathische Art gelang es ihr meisterhaft, immerzu von einer illustren Schar von Künstlerpersönlichkeiten umgeben zu sein.

Dieses Buch ist in vieler Hinsicht eine Bereicherung, denn es gibt einem die Möglichkeit, tief in das Seelenleben der beiden Eheleute Rilke, auf unvergleichliche Weise, einzutauchen. Zwar hätte es mich gefreut, wenn die Aufzeichnungen noch mehr über das künstlerische Schaffen als Bildhauerin preisgeben würden, so habe ich diese Biographie dennoch sehr genossen und kann sie nur jedem, empfehlen, der sich für die Kunstszene des 20. Jh. interessiert.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich für das vom btb Verlag bereitgestellte Buch bedanken!

Alexandra

  • Gebundene Ausgabe, 381 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (1. Auflage, 19.10.2015)
  • ISBN: 978 – 3- 442- 75432-8

 

 

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