Big Boss und Workaholic: „Viribus unitis“ – Der Kaiser und sein Hof. Ein neues Franz-Joseph-Bild von Martina Winkelhofer

Die Hofbibliothek war nicht für jedermann zugänglich. Werke ausleihen durften nur Beamte des Hofstaates, Mitglieder des Reichsrates, diplomatische Vertreter, Professoren der Universität und Privatdozenten sowie Mitarbeiter der öffentlichen Bibliotheken, Archive und Museen.

„“Viribus Unitis“ – Der Kaiser und sein Hof. Ein neues Franz-Joseph-Bild“ von Martina Winkelhofer, S. 70, Amalthea 2008.

fotoInhalt: Die österreichische Historikerin Martina Winkelhofer, welche sich auf den Adel des 19. Jh. spezialisiert hat, gewährt uns mit „Viribus Unitis“ aus dem Amalthea Verlag seltene Einblicke in den Hofstaat Kaiser Franz Josephs I., der vor wenigen Wochen seinen 100. Todestag hatte. Durch die erste wissenschaftliche Ausarbeitung von bis dahin im Archiv schlummernden Akten, konnte ein neues Licht auf die genauen Abläufe am Hof des Kaisers geworfen werden und mit dem ein oder anderen Klischee aufgeräumt werden.

Rezension: Bis heute erfreut sich“der Kaiser“ Franz Joseph I. in Österreich großer Beliebtheit. Am 18. August wird jährlich sein Geburtstag in Bad Ischl gefeiert. Seine Person steht für die Verkörperung der „guten alten Zeit“. Seine Disziplin und sein Fleiß waren wohl bekannt und er war mit 65 Dienstjahren der am längsten dienende Kaiser der Habsburger Monarchie. Viele Aspekte seines Lebens wurden bisher in zahlreichen Publikationen ausgeführt – 2008 legte Martina Winkelhofer mit ihrem Buch ein besonderes Augenmerk auf einen bisher weniger erforschten Aspekt in der Geschichte: Franz Joseph I. war nicht nur Herrscher eines Vielvölkerreiches – zudem stand er selbstverständlich an der Spitze eines Großunternehmens, nämlich seines Hofstaates, der bis zu 2000 Angestellte umfasste. In der heutigen Umgangssprache könnte man den Kaiser durchaus als Workaholic bezeichnen – im ersten Kapitel des Buches beschreibt Winkelhofer einen typischen Arbeitstag im Leben des Kaisers. Franz Joseph war kein Langschläfer – um halb vier wurde er geweckt und ab dann folgte ein bis ins kleinste Detail durchgetaktetes Tagesprogramm, das wenig Raum für Extravaganzen bot.

Als der junge Franz Joseph 1848 seinen Onkel Kaiser Ferdinand I. im Amt ablöste, lag innerhalb der Administration des Hofes einiges im Argen. Schrittweise wurden veraltete Strukturen reformiert und den neuen Gegebenheiten angepasst. Nach der Reihe werden in dem Buch die einzelnen Stäbe der Verwaltung aufgelistet, von der rechten Hand des Kaisers (Obersthofmeister) bis zu den Holzträgern und Wäscherinnen.

Das Verhältnis des Kaisers zu seinen Hofmitarbeitern wird von Winkelhofer auf Seite 17 folgendermaßen beschrieben:

Franz Joseph und seine Hofbeamten und Diener waren eine Schicksalsgemeinschaft. Sie lebten mit- und durcheinander, und obwohl sie soziale Welten trennten, waren sie doch eng miteinander verbunden.

In vielen Bereichen ließ der Kaiser statt unerbittlicher Strenge, Milde walten. Entlassungen bildeten die Ausnahme; in den meisten Fällen kamen dienstunwillige Angestellte mit einer Abmahnung davon oder wurden in einem anderen Bereich versetzt. Aber auch aus anderen Gründen darf es einem nicht als verwunderlich erscheinen, dass ein Posten am kaiserlichen Hof angestrebt wurde. Im Wien des 19. Jh. herrschte generell große Arbeits-, Wohnungs- und Versorgungsnot. Der Hof war der sicherer Hafen innerhalb des harten Lebens, vor allem für niedrigere soziale Schichten. Einmal am Hof angestellt, wurde man in ein soziales Umfeld eingebettet, welches einige verlockende Vorteile mit sich brachte: man musste sich keine Gedanken mehr über eine Wohnungssuche mehr machen, man konnte sich eines stabilen Arbeitsplatzes sicher sein und auch die Krankenversorgung war mit den hofeigenen Ärzten und einer eigenen Hofapotheke abgedeckt.

Martina Winkelhofer gelingt es ein umfassendes Bild der genauen Abläufe am kaiserlichen Hof unter Franz Joseph zu skizzieren, welches mit vielen interessanten Themen quer durch alle Bereiche, ausführlich ausgestattet ist. Das Kapitel „Kunst und Kultur am Hof Kaiser Franz Josephs“ habe ich mit besonderem Interesse gelesen. Es hat mir große Freude bereitet, beim Mikrokosmos „Hof“ innerhalb des Großreiches, Mäuschen zu spielen und die einzelnen Winkel dieser Welt zu erkunden. Dieses Sachbuch ist keineswegs trocken, sondern liest sich sehr angenehm und ist nicht nur etwas für Monarchiefans!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Alexandra

  • Gebundene Ausgabe: 274 Seiten.
  • Verlag: Amalthea Signum Verlag, Wien (2008)
  • ISBN: 978-3-85002-650-5

 

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