Wien liest: „Katzentisch“ von Michael Ondaatje

Diese Gelassenheit und Gewissheit habe ich nur bei Menschen erlebt, die das Rüstzeug der Bücher zur Hand haben.

„Katzentisch“ von Michael Ondaatje, S. 70, Echomedia Buchverlag 2016.

cover_eseb_katzentisch-jpgInhalt: Colombo, 1954. Der elfjährige Michael, mit dem Spitznamen Mynah, der bisher bei seinem Onkel wohnte, begibt sich alleine auf eine dreiwöchige Schiffsreise nach London, wo ihn seine Mutter erwartet. Während der Fahrt wird ihm ein Platz an dem sogenannten „Katzentisch“ zugeteilt, wo sich ein buntes Potpourri an kuriosen Gestalten zusammenfindet. Rasch findet er Anschluss und begibt sich täglich mit seinen beiden neu gewonnen Kameraden auf aufregende Streifzüge, wo sie gemeinsam die hintersten Winkel des Ozeandampfers erkunden. Die kleinen Augen beobachten wachsam das rege Treiben und die Reise verspricht ein richtiges Abenteuer zu werden, das alle ihnen allen drei garantiert in Erinnerung bleiben wird.

Rezension: Der Autor Michael Ondaatje erlangte mit seinem Roman „Der englische Patient“ 1992 Weltruhm und arbeitet seitdem als freier Schriftsteller in Kanada. Die Erfahrungen des Protagonisten von „Katzentisch“ weisen deutliche Ähnlichkeiten zu der Biographie des Autors auf: auch er unternahm mit elf Jahren eine Schiffsreise von Sri Lanka nach England, um dort zur Schule zu gehen. Ondaatje betont aber in seiner Nachbemerkung im Anschluss, dass dieses Buch, abgesehen von ein paar kleinen Details, im Großen und Ganzen lediglich ein Produkt seiner Fantasie ist.

Seit 2002 verteilt die Stadt Wien unter der Schirmherrschaft von Wien Energie jedes Jahr insgesamt 100.000 gratis Buchexemplare. Für alle Lesemuffel somit eine willkommene Gelegenheit, sich ein Herz zu fassen und wieder einmal zu einem Buch zu greifen; das gilt für alle anderen Bücherverrückte selbstverständlich auch! „Katzentisch“ ist das erste Buch von Ondaatje, das ich gelesen habe und es hat mir recht gut gefallen. Der Autor verfügt über eine poetische Sprache, welche ihre Kreise durch das gesamte Buch zieht. Durch die Erzählungen des kleinen Burschen bekommt man die Möglichkeit in die Rolle eines stillen Beobachters zu schlüpfen, um mit ihm die drei Wochen seiner Reise nach England zu mitzuerleben. Ondaatje schreibt in Bildern: vor dem geistigen Auge erwachen die geschilderten Personen zum Leben, in all ihren bunten Farben. Zwar endet die Erzählung am Ende mit Michaels Ankunft auf englischem Terrain, doch zwischendurch gewährt der Autor immer wieder einen Ausblick auf die Jahre danach. So blieb er mit dem einen Freund, Ramadhin und dessen Familie auch noch nach 1954 in engem Kontakt und ehelichte sogar dessen Schwester Massi. Es kam auch zu einem Wiedersehen mit seiner verehrten Cousine Emily, wo er die Gelegenheit nützte um sie über Ereignisse jener aufwühlenden Nacht zu befragen, die sich so eingehend in seinem Gedächtnis verankert hat.

An alle lesefreudigen Wiener: Schaut, ob ihr noch ein Exemplar des diesjährigen Gratisbuches ergattert. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Alexandra

  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Echomedia Buchverlag (Wien 2016)
  • Copyright: Carl Hanser Verlag (München 2012)
  • Originaltitel: „The Cat’s Table“ (Toronto 2011)
  • Übersetzung: Melanie Walz

 

 

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