Der Atlas der Liebe, der Sehnsucht und des Reisens: „Atlas Hotel“ von Bruno Pellegrino

„Inzwischen beginn er fast zu glauben, dass nichts von alldem – oder am Ende nur so wenig – wirklich passiert ist. Er musste seine Eifersucht so lange polieren, bis sie zu diesem kleinen, harmlosen Halbedelstein wurde, bis er verstand, was er an ihr hatte – sie war seine Verbindung zur Welt, seine Art der Erkenntnis, sein Antrieb der Erinnerung.“

61vfghvkfl„Atlas Hotel“ von Bruno Pellegrino (Rotpunktverlag) ist die Geschichte eines jungen Mannes, der in Madagaskar nach einer Aufgabe sucht und diese bei einer Hilfsorganisation findet. Schnell wird das vermeintliche Paradies zur bitteren Realität geprägt von Hitze, Armut und Einsamkeit. Ein Jahr später tritt er ein weiteres Mal eine große Reise an, diesmal geht es mit der Freundin mit der transsibirischen Eisenbahn nach Beijing und anschließend nach Tokyo, doch auch bei diesem Urlaub läuft nicht alles wie geplant. Die beiden werden von den Gespenstern des vergangenen Jahres eingeholt, als er sich getrennt und die Freundin zwischenzeitlich einen anderen …

„Atlas Hotel“ wirkt auf den ersten Blick und oberflächlich gesehen wie eine unterhaltsame Reiseerzählung, doch schnell offenbart sich der wahre ernste Charakter der Geschichte, wenn dem Protagonisten schon am ersten Tag in der Hauptstadt Madagaskars klar wird, dass das Abenteuer Ausland nicht dem Wunschideal entspricht. Es sollte ein Abenteuer werden, fern von seiner Heimat und dem bisher Bekannten, fern von seiner Exfreundin, von der er sich kurz zuvor getrennt hatte und voll von neuen Erlebnissen und Erfahrungen. Der Protagonist verliert sich in den vollen und dreckigen Straßen Antananarivos, trotz seiner Französischkenntnisse fehlt ihm der Kontakt zu den Einheimischen und bei der Hilfsorganisation gibt es eigentlich nichts für ihn zu tun. Am schlimmsten ist jedoch die Sehnsucht nach der Liebe, die Pellegrino immer wieder einwirft und die für den Leser fast schon ebenso schmerzhaft spürbar wird. Als die wieder vereinten dann gemeinsam auf die große Reise gehen und die Eifersucht wieder hochkommt, beleuchtet der Autor die Gefühlswelt der Figuren sehr realistisch. Auch im zweiten Teil schwankt die Erzählung zwischen munterem Reisebericht und tragischer Erzählung.

Der Klappentext des Romans gibt nicht viel über die Handlung preis, weckte bei mir allerdings sofort das Interesse, impliziert er doch den Aufbruch in eine fremde Welt, zudem erschließt das Cover sofort das Gefühl von Ferne, die Lust auf Reisen und die Vielfältigkeit der Erde – alles Aspekte, die in „Atlas Hotel“ vorkommen. Pellegrino blickt durch den Text hinter die Kulissen der Reiselust und der paradiesischen Bilder von Postkasten. Gleichzeitig legt er mit dem Roman eine zwar kurze, aber sehr intensive Geschichte über Eifersucht und Liebe vor, die sowohl die unglückliche Liebe auf Distanz, als auch in der Nähe beleuchtet.
„Atlas Hotel“ hat meine Erwartungen erfüllt, auch wenn ich mir am Anfang ein wenig mehr Komik erhofft hatte.  Ich möchte der Erzählung 4 von 5 Sternen geben und bin sehr gespannt, was der junge Autor nach diesem tollen Debüt noch veröffentlichen wird.

  • Gebundene Ausgabe: 168 Seiten, 22€ (D)
  • Verlag: Rotpunktverlag; Auflage: 1 (12. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Lydia Dimitrow
  • ISBN-13: 978-3858697134
  • Originaltitel: Atlas nègre

Nika

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