Ein Insider berichtet: „Generation Putin. Das neue Russland verstehen“ von Benjamin Bidder

Im neuen Russland ist relativ gleichgültig, welche Befugnisse die Verfassung für Präsident oder Premier vorsieht. Wichtig ist nur, wo Putin sitzt. Für ihn gilt wie einst für den französischen König: Der Staat bin ich.

„Generation Putin. Das neue Russland verstehen“ von Benjamin Bidder, S. 134, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016.

723_19748_167867_3_xxlInhalt: In seinem hochinteressanten Buch „Generation Putin. Das neue Russland verstehen“ schildert der ehemalige Russland Korrespont (2009 – 16) von SPIEGEL ONLINE, Benjamin Bidder, die Lebensgeschichten von russischen Jugendlichen. Darüber hinaus gewährt der Autor seiner Leserschaft einzigartige Einblicke auf viele andere Themen im Zusammenhang mit der Innen- und Außenpolitik Russlands. Der passende Buchtrailer bietet vorab einen guten Einstieg in die Lektüre.

Rezension: Bereits im Vorwort warnt Benjamin Bidder (* 1981) vor dem zunehmenden Auseinanderdriften zwischen Ost und West. Er appelliert an mehr Verständnis und Toleranz, doch wie man im Verlauf des Buches erkennt, verhärten sich die Fronten – gerade im Bezug auf Syrien herrschen große Differenzen zwischen Barack Obama und Wladimir Putin. Doch nach den Wahlen im November 2016 war der russische Präsident einer der ersten Staatsmänner, welcher Donald Trump zu seinem Wahlerfolg gratulierte. Trump selbst kündigte an, die Differenzen zwischen den beiden Ländern wieder normalisieren zu wollen. Bidder greift zentrale Themen der letzten Jahre auf – wie beispielsweise die Ukraine Krise, Olympischen Winterspiele in Sotchi, u.v.m.

Die sechs Jugendlichen, deren Lebensgeschichten Bidder seit einigen Jahren mitverfolgt, beziehen zum Teil klare politische Positionen. Sie sind Individualisten und handeln aus tiefer Überzeugung heraus. Besonders Alexanders Geschichte fand ich sehr berührend. Obwohl körperlich und geistig eingeschränkt hat er einen unbeugsamen Willen sein Leben in die Hand zu nehmen und eines Tages das Heim hinter sich zu lassen und in seine erste eigene Wohnung zu ziehen. Wera, eine glühende Vertreterin der Opposition, kam im Laufe der Zeit an ihre Grenzen und zog vorläufig auf unbegrenzte Zeit nach Kiew, um dort zu sich zu finden. Marat war, bevor er sich dem Fotografieren von verlassenen Orten widmete, ein begeisterter Roofer. Doch so sehr in auch das Fernweh antreibt, so unüberwindbar ist für ihn das Heimweh nach Russland. Auch in ihm keimt die Furcht, dass sich Ost und West immer weiter voneinander entfernen. Lena, ehrgeizig und Patriotin mit Haut und Haar, hält trotz einer vereitelten Karriere als Politikerin, an ihrem Glauben an Putin fest. Diana, pocht nach einer großen Euphorie, auf ihre politische Unabhängigkeit und Neutralität. Es scheint, als hätte sie ihre tatsächliche Bestimmung im beruflichen Umfeld noch nicht gefunden.

Aber es sind nicht nur die einzelnen Schicksale dieser jungen Leute, welche dieses Buch so spannend und lesenswert machen. Wladimir Putin ist zu einer Konstante in ihrem Leben geworden, im Positiven wie auch im Negativen. Seit seiner Wahl 2000 prägt er wie kein anderer die politische Landschaft Russlands. Anhand Bidders Schilderungen lässt sich gut erkennen, welchen Einfluss das politische System auf unterschiedliche Ebenen hat. Die Zeitspanne des Buches reicht im Wesentlichen vom Beginn der 1990er Jahre bis heute. 1991 stellte einen Wendepunkt in der Geschichte Russlands dar – der damalige Präsident Michail Gorbatschow trat zurück und damit war das Ende der Sowjetunion besiegelt. Was hat sich seitdem in Russland getan? Bidder gelingt es auf unterhaltsame Weise, eine Fülle an hochbrisanten Themen anhand von zahlreichen Beispielen zu erläutern.

„Generation Putin“ liest sich wie eine hervorragend recherchierte Dokumentation, welche ich mir auch gut als Filmreportage vorstellen könnte. Bidders Erzählstil ist präzise, gepaart mit einer sympathischen Liebe zum Detail. Neben der fast überbordenden Fülle an Namen, Zahlen und Daten, bieten die Porträts der Jugendlichen immer wieder eine hervorragende Gelegenheit, sich in deren Gedankenwelt hinein zu versetzen. Ich würde dieses Buch nicht nur jedem empfehlen, der sich für Zeitgeschichte und Russland interessiert, sondern auch für alle, die ihr Allgemeinwissen bereichern wollen und dabei sehr unterhaltsam informiert werden möchten.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

An dieser Stelle möchte ich mich für das von der DVA bereitgestellte Buch ganz herzlich bedanken!

Alexandra

  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (1. Auflage: 2016)
  • ISBN: 978-3-421-04744-1

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