Fiebertraum des Lebens: „Aurelia“ von Gérard de Nerval

„Eine Dame, die ich lange geliebt hatte und der ich den Namen Aurelia geben will, war für mich verloren.“

51jfpytecglGérard de Nervals „Aurelia“ (Edition Atelier) ist die Geschichte einer verlorenen Liebe, die im Protagonisten einen Wahn auslöst. Im Fiebertraum des Lebens verbringt er die Monate in einer Anstalt, doch sein Gesundheitszustand bessert sich nicht. Mehr und mehr steigert er sich in seine Visionen rein, denen er nicht mehr entkommen kann. Nachts wandert er durch die Straßen und begegnet den Geistern der Vergangenheit, tagsüber führt er Tagträume, die von der Realität nicht mehr zu unterscheiden sind. Nach dem Tod Aurelias werden aus den Träumen zunehmend Alpträume.

„Eine Frau, die sich in meiner Jugend um mich gekümmert hatte, erschien mir im Traum und warf mir einen sehr schweren Fehler vor, den ich einst begangen hatte.“

Nervals Erzählung liest sich wie ein wilder Krankheitsbericht in Tagebuchform. Der Ich-Erzähler ist immer auf der Suche nach der großen Antwort und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. Er sucht Trost in der Kabbala und seinen verstorbenen Verwandten, die ihm den Glauben schenken, die Liebenden seien nur durch das Leben getrennt. Dies nimmt ihm zwar die Angst vor dem Tod, lässt die Visionen aber nur noch schlimmer werden.

„Ich trat in eine Werkstatt, wo ich Arbeiter fand, die in Ton ein riesiges Tier in Gestalt eines Lamas formten, das offenbar noch mit großen Flügeln versehen werden sollte. Dieses Ungeheuer war wie von einem Feuerstrahl durchbohrt, der es nach und nach lebendig machte, wobei es sich wand.“

Liebe, Religion, Träume, Wahnsinn, Unsterblichkeit – „Aurelia“ ist gerade dadurch so tragisch, da der Autor selbst unter einem Nervenleiden litt und 1855 in Paris Selbstmord beging. Im Nachwort wird die Rolle Nervals in der französischen Literaturgeschichte behandelt und darauf eingegangen, wie einflussreich der Schriftsteller zu seiner Zeit war. Mit dieser Erzählung hat Nerval einen Blick in einen fremden Kosmos voller fremder Bilder erlaubt, indem die natürliche und übernatürliche Welt in einem Wechsel stehen. In Nervals Protagonist leben zwei Seelen – der Beobachter und der Handelnder, die wohl auch im Leben des Autors eine Rolle gespielt haben.

Nur 120 Seiten umfasst „Aurelia“ – 120 Seiten, die herausfordern und verwirren können. Was ist real und was ist die Vorstellung eines psychisch Kranken? Was hält den Protagonisten am Leben, was trägt ihn? Nicht nur für den Ich-Erzähler verschwimmt alles mehr und mehr und auch für mich als Leserin sind die Situationen fließend ineinander übergegangen.
„Aurelia“ ist ein spannendes Werk, das den Geist fordert, aber nicht überfordert. Viele interessante Aspekte aus der Religion und den Geisteswissenschaftwn werden eingebunden, die aus der Erzählung mehr als nur einen Krankenbericht machen.

  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten, 16,95 (D)
  • Verlag: Edition Atelier (23. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3903005228

Nika

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