Johanna, die Ehrgeizige und Unersättliche: „Die Päpstin“ von Donna W. Cross

Rom. Die größten Geister der Menschheit waren in dieser uralten Stadt versammelt, in deren Kirchen es Schätze von unermeßlichem Wert gab, in der sich die heiligen Gräber der Apostel befanden, und deren Bibliotheken das gesammelte Wissen von Jahrhunderten bargen. In Rom würde Johanna finden, was sie suchte, und ihre wahre Bestimmung erfahren.

„Die Päpstin“ von Donna W. Cross, S. 328, Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin 1998.

fotoInhalt: Dieses Buch erzählt die Lebensgeschichte einer außergewöhnlich klugen, tüchtigen und strebsamen Frau, die es doch tatsächlich geschafft haben soll, als erste Frau den päpstlichen Thron zu besteigen. Der Weg dorthin war steinig und ihr großes Vorhaben drohte des Öfteren wieder zu scheitern – nicht allein deswegen, da sie ihre Zunge oft nicht zügeln konnte, und sich damit ernstlich in Gefahr brachte. Doch ihr Wissensdurst war seit ihrer Kindheit nicht zu stillen und so ergab sich für die Tochter eines Dorfpriesters aus Ingelsheim im Laufe der Jahre immer die Möglichkeit sich fortzubilden. Der Preis dafür war aber schmerzlich hoch. Da es für die damalige Zeit undenkbar war, dass eine Frau überhaupt lesen und schreiben konnte, sah sich Johanna früh gezwungen, ihre Weiblichkeit nach außen hin zu verbergen. Detailreich, historisch aufschlussreich und überaus spannend schildert die Autorin die einzelnen Stationen in Johannas Leben, bis zu ihrem Tod auf der Via Sacra.

Rezension: Auch 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung im Aufbau Taschenbuch Verlag, ist es noch immer nicht eindeutig geklärt, ob es sich bei dieser Geschichte über den weiblichen Papst um eine tatsächliche Begebenheit, oder um eine Legende handelt. Im Anschluss an die Erzählung bezieht die Autorin, Donna W. Cross (* 1947 New York), klare Stellung und führt etliche Punkte an, die Existenz von Papst Johnnes Anglicus beweisen sollen. Der ungeklärte Zustand änderte nichts an dem großen Interesse an dem Buch, das mittlerweile bereits auch 2009 verfilmt wurde und Stoff für ein Musical bot. Schlussendlich bleibt es dem Leser und der Leserin selbst überlassen, an die Authentizität dieser zweifelsfrei faszinierenden historischen Figur zu glauben oder nicht, dennoch ist Cross mit diesem historischen Roman gelungen, ihre Leserschaft bildhaft in eine Zeit zu versetzen, die der unseren in vielen Dingen fremd erscheint. Kirche und Staat waren im 9. Jh. untrennbar miteinander verbunden. Das Rechts- und Staatensystem, das für uns heute so selbstverständlich erscheint, existierte nicht. Das Christentum kämpfte um seine Vorrangstellung gegenüber den paganen Kulten, welche in Rom und anderen Teilen Europas noch lange nicht vergessen waren. Kriegerische Auseinandersetzungen standen auf dem Tagesplan; die Stabilität des Frankenreichs geriet nach dem Tod Karls des Großen ins Schwanken. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Analphabeten; die Orte des Wissens waren die Klosterbibliotheken, wo Handschriften aufbewahrt wurden. Mädchen waren aus diesem Kreis der christlichen Gelehrten gänzlich ausgeschlossen.

Mit dieser Tatsache gab sich die Protagonistin des Buches aber nicht zufrieden: Für ihr umfassendes Wissen über Heilkunst, antike und christliche Schriften, und ihr unermüdlicher Einsatz für die Schwachen der Gesellschaft wird Johanna einerseits umjubelt und andererseits angefeindet. Einige Widersacher gelingt es ihr jedoch durch ihren messerscharfen Verstand mundtot zu machen. Es war für mich erstaunlich zu lesen, wie sich Johanna aus jeder, anfangs noch unausweichlichen Situation, heraus zu lavieren. Mir wurde das Buch auch an keiner Stelle zu langatmig oder langweilig. Cross verliert sich nicht in Kitsch oder übergroße Sentimentalität. Johannas (zu spät) eingestandene Liebe zu dem Markgrafen Gerold ist tiefgreifender als anfangs gedacht, hält sich aber dennoch nicht von ihrem Streben nach Macht und Einfluss ab. Das Buch endet tragisch und ich habe mich ehrlich gestanden über die Sturheit Johannas gewundert, die letztendlich ihren Tod herbeiführte. Am Ende verkannte sie den Ernst der Lage in Rom und damit die passende Gelegenheit um sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen und das drohende Unheil abzuwehren. Das Pflichtgefühl gegenüber ihrem Amt war dem ihren Gefühlen gegenüber Gerold größer. Ihr Zögern fand ich in dieser Situation vollkommen unangebracht. Doch wie in den vergangenen Beispielen auch, ließ sie sich nicht beirren und setzte um jeden Preis ihren Willen durch.

Für alle die von der Päpstin noch nie gehört haben, empfehle ich dieses Buch besonders, denn in diesem Fall bietet es eine gute Möglichkeit sich selbst ein Bild zu machen, und eventuell auch, in weiterer Folge, eigene Nachforschungen über dieses Thema zu betreiben. Wie wäre es zum Beispiel hierfür Ciceros topoi (sechs Fragen: Wer, wie, wo, wann, was und warum?) anzuwenden? Cross‘ angenehme Schreibweise lässt einem das umfangreiche Volumen des Romans zügig und sehr unterhaltsam bewältigen. Nebenbei gibt es einem die Gelegenheit, die Lebensumstände des Europas im 9. Jh. näher kennenzulernen. Geschichte spannend und packend erzählt. Es hat mir großen Spaß bereitet dieses Buch zu lesen!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Alexandra

  • Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1998 (6. Auflage), 566 Seiten.
  • Originaltitel: „Pope Joan“ (Übersetzung von Wolfgang Neuhaus)
  • ISBN: 3-7466-1400-7

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