Zweimal Steven Millhauser: „Edwin Mullhouse“ und „Zaubernacht“

„Kommt raus, kommt raus, wo immer ihr seid, ihr Träumer und Tagediebe, ihr Faulpelze und Verlierer, ihr Schattensuchenden und Sonnenwaisen.“

Mit den zwei Titeln „Zaubernacht“ und „Edwin Mullhouse – Leben und Tod eines amerikanischen Schriftstellers 1943 – 1954 von Jeffrey Cartwright“ des Pulitzer-Preisträgers Steven Millhauser (beide im Septime Verlag erschienen) gibt es heute eine Doppelrezension.

41iztnid8lDie Novelle „Zaubernacht“ handelt von einer einzigen Nacht, in der sich die verschiedensten Menschen aufmachen, um die dunklen Stunden zum Tag werden zu lassen. Eine Jungsgruppe bricht in die Bibliothek ein, um sich zu unterhalten, ein Liebespaar trifft sich, eine Mädchengruppe bricht in Häuser ein, um Essen zu stehlen und die Botschaft „Wir sind eure Töchter“ zu hinterlassen. Doch neben den realen Personen erwachen auch Figuren des nachts zum Leben, so genießt eine Schaufensterpuppe ihre Freiheit und wandelt durch die Straßen, während die älteren, vergessenen Puppen auf den Dachböden zum Takt des Mondes tanzen.

Steven Millhauser erzählt mit „Zaubernacht“ verträumte Geschichten der Dunkelheit, die mal real, mal mystisch wirken. Die 142 Seiten lesen sich wie in einem Rausch, in dem die Erzählungen durch die Stunden um Mitternacht verbunden sind. Millhauser schafft eine Atmosphäre, die aus der Zeit, zu der die meisten Menschen schlafen, eine ganz besondere macht. Die wenigen Seiten reichen aus, um diverse Welten entstehen zu lassen und den Wunsch zu erwecken, die Figuren auch einmal bei Tage kennenzulernen – wer weiß, vielleicht erschafft Steven Millhauser ja auch einmal den „Zaubertag“? Aus einer Novelle werden in „Zaubernacht“ viele noch viel kleinere, die sicher jede eine Novelle an sich wert wären.

Ich habe „Zaubernacht“ fast in einem Rutsch durchgelesen und möchte 4 Sterne vergeben. Ursprünglich sollten es 3,5 sein, doch beim Schreiben dieser Rezension viel mir außer dem Punkt, dass es nicht mein neues Lieblingsbuch werden wird, nicht viel mehr ein, was ich kritisieren möchte, daher ist dieser halbe Tag keines Abzuges wert. Die Novelle ist für all die empfehlenswert, die gerne in kurzen Erzählungen schwelgen und sich fallen lassen möchten – fallen lassen in eine Welt, die existiert, aber in „Zaubernacht“ dennoch surreal erscheint.

  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten, 18€ (D)
  • Verlag: Septime Verlag (5. September 2016)
  • Übersetzung: Sabrina Gmeiner
  • ISBN-13: 978-3902711540
  • Originaltitel: Enchanted Night

51nnbpxcqklDas genaue Gegenteil von „Zaubernacht“ ist Millhausers Roman „Edwin Mullhouse“, der im Original bereits 1972 erschienen ist und zu den Geschichten gehört, die mich erst wirklich überzeugen können, wenn ich sie durchgelesen habe. In dem Roman schreibt Jeffrey Cartwright als Biografie aufgebaut über das Leben seines Kinderfreundes Edwin Mullhouse, den er für einer der größten Schriftsteller seiner Zeit hält. Von der Geburt an sind beide die besten Freunde und über 468 Seiten erzählt Jeffrey in bewunderter Weise von den verschiedenen Stationen seines Freundes. Vom ersten Wort, dem ersten Schritt, bis hin zur ersten Liebe und dem ersten Roman „Cartoons“, den Edwin schreibt, ist Jeffrey hautnah dabei und skizziert diese Momente in seinem Bericht. Auch in der letzten Nacht ist er an Edwins Seite und beendet mit dieser die Biografie.

Als Leserin bin ich gemeinsam mit Edwin und Jeffrey aufgewachsen und konnte mich in einigen Situationen wiederfinden. Millhauser schafft es in diesem Roman wunderbar, sich auf die Charaktere einzulassen und diese authentisch wiederzugeben. Zwar wirkt gerade Jeffrey manchmal etwas alter, als er in Wirklichkeit ist (denn er beginnt mit der Biografie direkt nach dem Tod Edwins), doch sowohl er als auch Edwin scheinen in der Entwicklung weiter fortgeschritten zu sein, als manch andere in ihrem Alter. Edwin ist nicht unbedingt ein Sympathieträger, dennoch konnte ich ihn und seine Eigenarten in mein Herz schließen, nicht zuletzt durch die intensive Zeit, die man mit den Freunden verbringt. In einer Bewertung des Buches auf Goodreads habe ich gelesen, dass der Rezensent diesen Roman als Jugendlicher gelesen und anschließend so gut wie vergessen hat. Als er es dann wieder zur Hand nahm, fiel ihm auf, dass „Edwin Mullhouse“ mittlerweile zu seinen Lieblingen gehört. Diese Meinung kann ich voll und ganz verstehen, denn die Erzählung mag über die Seiten manchmal langweilig, manchmal sehr schleppend erscheinen, doch am Ende steht das Gefühl, ein halbes Leben miterlebt zu haben und wenn man den Roman mit der letzten Seite beendet, bleibt eine merkwürdige Stimmung zurück. Der Titel und Klappentext impliziert schon die Tatsache, dass Edwin nur 11 Jahre alt sein wird, wenn er stirbt, dennoch habe ich gehofft, dass es doch noch eine Wendung geben könnte – die leichte Magie, die „Edwin Mullhouse“ nicht ganz so realistisch macht. Was das Ende und den Tod Edwins so besonders macht, muss jeder selbst herausfinden und das lohnt sich auf jeden Fall! Von mir bekommt der Roman 4 Sterne mit eventueller Steigerung über die Monate, denn wie auch der Goodreadsrezensent glaube ich, dass auch ich nach einiger Zeit noch mehr gefallen an der Geschichte finden werde.

  • Gebundene Ausgabe: 472 Seiten, 23.30€ (D)
  • Verlag: Septime Verlag; Auflage: 1 (25. Mai 2015)
  • Übersetzung: Sabrina Gmeiner
  • ISBN-13: 978-3902711328

Nika

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