„Flucht“ von Hakan Günday

9783442754762_coverHakan Gündays Erzählung „Flucht“ (btb Verlag) ist die Geschichte des jungen Türken Gaza, der seit seinem 9. Lebensjahr für seinen Vater arbeitet – dieser Job ist kein normaler, denn Gazas Vater ist Schleuser. Schnell steigt auch Gaza in die Kreise der illegalen Schlepper auf und wird zum Richter über die Flüchtenden. Er ist für die Sicherheit der Gruppen zuständig, die, während sie auf den nächsten Transport warten, in das unterirdische Depot auf dem Grundstück der Familie gesperrt werden. Als Gaza gemeinsam mit seinem Vater zur nächsten Weitergabe von Afghanen aufbrechen, kommt es zur Katastrophe und nach einem Unfall ist nichts mehr wie es war. Von nun an muss Gaza sein Leben allein bestreiten und sich fragen, was seine Zukunft bereithalten soll.

„Flucht“ ist kein Roman, der sich schnell und leicht liest und Gaza ist kein Protagonist, den der Leser in sein Herz schließen soll. Die Geschichte ist in zwei Teile geteilt, die sich beide verschiedene Arten einer Flucht beziehen. Vor dem Unfall ist Gaza derjenige, der als Schlepper die Hilfesuchenden weiterleitet, nach dem Unfall ist es seine eigene Flucht vor der Vergangenheit und vor den Bildern der Menschen, die er kennengelernt und verloren hat und von denen, die unter ihm leiden mussten. Schon früh erkennt Gaza, wie viel Verantwortung auf ihn lastet und wie er diese als hochintelligenter Junge für seine Zwecke benutzen kann. Es ist erschreckend, diesen Weg mitzuerleben, wenn Gaza vom unschuldigen Jungen zum Vergewaltiger und Psychopathen wird, der die Menschen im Depot für seine psychischen Fallstudien und Experimente benutzt. Nach dem Tod seines Vaters, in dessen Schatten er immer stand, wird Gaza noch mehr zum Einzelgänger. Von der türkischen Verwaltung als Opfer dargestellt, bekommt er die bestmöglichste Ausbildung und die zweite Hälfte des Romans wird zu dem Versuch, ein normales Leben zu führen. Doch dieser Versuch scheitert, denn Gaza kann nicht unter Menschen sein und normal existieren. Es ist der Drang nach Leid und Gewalt, der ihn nicht zur Ruhe kommen lässt.
In meinem Empfinden hätte der erste Teil deutlich länger als der zweite sein können, denn die Art, wie Gaza anschließend regelrecht für seine Taten belohnt wird und durch das Geld seines Vaters keine Grenzen kennenlernt, hat mich sehr abgestoßen. Günday lässt die Leser in menschliche und gesellschaftliche Abgründe blicken, die er nicht erklären möchte. Er will zwar keine Sympathie schaffen, sondern eine knallharte Welt aufzeigen, die jeden Tag an den Grenzen passiert, dennoch erschien mir alles zu überreizt und auch in Bezug auf den zweiten Teil zu poetisch spielerisch.

Schlüsselszene in „Flucht“ ist der Unfall, bei dem Gaza mehrere Tage unter den Leichen begraben verbringen muss, bis er gerettet wird. Diese Szene wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, denn sie löste durch die intensive Beschreibung eine große Beklemmung in mir aus und die Tatsache, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt des Lesens in einer vollen U-Bahn befand, steigerte dieses Gefühl umso mehr.  Generell begleitete mich den gesamten Roman über ein großes Unbehagen über das Erzählte.
„Flucht“ war für mich ein sehr nervenaufreibender Roman, der mich leider nicht überzeugen konnte und dem ich zwei Sterne gebe. Gündays Art, mit der Flüchtlingsthematik umzugehen, ist eine sehr andere – nicht ohne Grund gilt der Autor in der Türkei als „Enfant Terrible“ – und bedrückende. Günday schafft Charaktere, die Anti-Anti-Helden sind und von dunklen Bildern begleitet werden. Gaza ist ein Opfer seiner Umwelt, der zum Täter wird und sein Leben mit diesem Rollenmuster bestreitet, das im Roman beschrieben wird.

  • Gebundene Ausgabe: 480 Seiten, 22,99€
  • Verlag: btb Verlag (29. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Sabine Adatepe
  • ISBN-13: 978-3442754762
  • Originaltitel: Daha

Nika

Published by

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s