Eine Zugfahrt von 2016 nach 1917: „Geisterroman“ von Gabriele Weingartner

41xvyapjtdlDer Zug von Berlin nach Prag beginnt zu fahren und alles läuft ohne Probleme, bis er schließlich durch einen Schneesturm stoppen muss und stehen bleibt. An Bord befinden sich Klara, die die Leiche ihrer verstorbenen Schwester nach Hause überführen möchte und der Kafka-Forscher Slavomir, der auf dem Weg zu einem Vortrag ist. Gabriele Weingartners Roman „Geisterroman“ (Limbus Verlag) startet in einem scheinbar alltäglichen Setting, bis der Stopp plötzlich zu einer obskuren Situation wird, als klar wird: Die Richtung des Zuges stimmt noch, doch die Zeitlinie hat sich plötzlich verschoben. Es ist der 18. Juli 1917 und zwischen den „normalen“ Passagieren vermischen sich Franz Kafka, Anton Kuh und weitere illustre Gestalten…

Gabriele Weingartners Roman erweckte nach Lesen der Inhaltsbeschreibung sofort mein Interesse. Kafka zählt zu meinen Lieblingsautoren und durch meine Bachelorarbeit konnte ich mich intensiv mit seinem Leben und seinen Werken beschäftigen. Schon beim anfänglichen Durchblättern fiel mir auf, dass Weingartners Quellen meinen sehr ähnelten (beispielsweise die dreibändige Kafkabiografie von Rainer Stach, die ich sehr empfehle) und ich dadurch umso mehr von der Geschichte erwartete.
„Geisterroman“ konnte mich schnell von seiner besonderen Mischung aus Familientragödie (Klara) und den vielen Fakten über Kafka und seine Verbindungen (Slavomir) überzeugen. Für Kafka-Kenner werden weiterhin viele Details eingebunden, die sich in den Geschichten und im Verhalten der Charaktere ähneln. Als Beispiele sind hier die schwierigen Verhältnisse zu den Eltern, der Druck durch Außenwelt und innere Gefühle, die Verlorenheit in der Gesellschaft und das Scheitern von Beziehungen zu nennen – viel baut Weingartner in „Geisterroman“ ein. Meisterhaft schafft sie eine skurrile Atmosphäre, die von ihren einzigartigen Charakteren lebt und bei der nie genau sicher ist, ob es sich gerade um einen Traum oder die Wirklichkeit handelt.

„Kafkaesk“ ist ein Begriff, der oft verwendet wird, wenn surrealen Elemente aufeinandertreffen. Auch „Geisterroman“ erscheint kafkaesk. Besonders ab dem Moment, wenn Klara im Zug des Jahres 1917 auf ihren Exmann trifft, den sie seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hat, kann sich der Leser nicht mehr sicher sein, was ihn noch erwartet – alles scheint möglich. Manchmal mutet Weingartner einem etwas zu viel zu, wenn sie sämtliche Biografien und Erzählelemente – Rückblicke, Gedanken, Fakten – aneinanderreiht, dennoch geht ihr Konzept meiner Meinung nach auf. „Geisterroman“ ist anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. Karla und Slavo sind ausgefeilte Charaktere, die beide überzeugend und interessant sind. Gerne hätte Weingartner noch ein paar Kapitel vor Beginn der Fahrt ergänzen können, dennoch erscheint der Fokus auf diese eine Fahrt genau richtig, denn genau diese ist es, die die Grenzen aufbricht und für kurze Zeit  zu einem eigenen Kosmos wird.

Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Roman und ich werde mir die weiteren Erzählungen Gabriele Weingartners, die ebenfalls im Limbus Verlag  erschienen sind, definitiv noch einmal genauer ansehen. Ich möchte 4 von 5 Sternen vergeben. Kleine Abzugpunkte gibt es für die vorher genannten vielen Details, die den Roman teilweise überladen.

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten, 20€ (D)
  • Verlag: Limbus Verlag; Auflage: 1 (15. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3990390856

Nika

 

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