Zusammengesetzte Sprache: „Broken German“ von Tomer Gardi

6182tiqxcqlDer in Berlin lebende israelische Schriftsteller Tomer Gardi las beim diesjährigen Ingeborg- Bachmann-Preis Auszüge aus seinem neuen Roman “Broken German” (droschel).  Gewonnen hat der Autor den Wettbewerb bedauerlicherweise zwar nicht, aber einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat er mit seinem, im “gebrochenen Deutsch” verfassten Roman allemal geleistet. Die Literaturkritikerin und das Jurymitglied Meike Feßmann warf nach der Wettbewerbslesung von Gardi die Frage auf, ob man den von dem Autor vorgetragenen Text, der mit der Ignoranz von jeglichen grammatikalischen und orthografischen Regeln aufgebaut ist, überhaupt als einen Teil der deutschsprachigen Literatur betrachten kann. Der Literaturwissenschaftler Klaus Kastberger, der Tomer Gardi für den Wettbewerb eingeladen hatte, versuchte die Kommentare von den Kollegen zu widerlegen, aber trotzdem hatte man den Eindruck, dass das “mangelhafte” Deutsch des Romans die Jurymitglieder dermaßen irritiert hat, dass eine tiefere und komplexere Diskussion über einen der spannendsten Texten dieses Jahres nicht zustande gekommen ist.
Als Beispiel für dieses Deutsch, das der Autor für seinen Roman konstruiert hat: Amadou, Radili und Mehmet haben gleich am Anfang des Romans eine unangenehme Begegnung mit einer Gruppe von Fussballfans in der U-Bahn. Die Mannschaft hat aller Wahrscheinlichkeit nach verloren, da die Stimmung in der Gruppe nicht besonders gut ist:

“Die Stimmen werden aber näher und die drei machen weiter und gehen nicht schneller und reden weiter nur um nicht leiser zu gehen, angstvoll und unheimlich. Von hinten schreit sie dann jemand nach. Hallo ihr! Hallo ihr! Was für Sprache redet ihr da! Radili und Amadou und Mehmet reden Deutsch aber keine Arien Deutsch sondern ihr Deutsch wie mein Deutsch auch die ich hier schreibe und wie ich die rede.”

Die Kategorie der Sprache steht im Mittelpunkt des Romans. Das gebrochene, konstruierte, von anderen Sprachen zusammengesetze Deutsch ist ein wichtiger Teil der Identität der Romanfiguren. Berlin ist der Ort, wo die Transnationalität und Transkulturalität keine abstrakten Ideen und Theorien sind, sondern in der Praxis umgesetzt werden und auch funktionieren. Die Romanszene im Call Shop führt den Leser die Mehrsprachigkeit der Bewohner dieser Stadt wunderbar vor Augen: “dort strömen Arabisch und Englisch, Türkisch und Tamil, Französisch und Hausa und Kurdisch, Albanisch und Spanisch und Thai und unendlichen Arten und Formen von Deutsch.”

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als einen Arbeitsmigranten der deutschen Sprache, der nur Schwarzarbeit zu leisten hat. In einem anderen Kapitel wird auf den Sprachgebrauch folgend eingegangen:

“Meine Muttersprache ist nicht die Muttersprache meiner Mutter. Die Muttersprache meiner Mutter ist nicht die Muttersprache ihre Mutter. Die Muttersprache ihre Mutter ist nicht ist nicht und so weiter. Uns so viel viel weiter. Wir sind babylonisch.”

Der Autor inszeniert sich selbst in der Figur des Ich-Erzählers. Einerseits gibt es die eingeflochtenen Erinnerungen aus der Kindheit seiner Mutter in einem rumänischen Dorf, andererseits wiederum das wichtigste Kapitel des Romans, in dem während einer Mutter-Sohn-Reise nach Deutschland – “auf einen jüdischen Mutter und Sohn Wurzelsuch” – die beiden mit den fremden Koffern in ihrem Hotelzimmer sitzen und die Kleidungstücke von fremden Menschen anprobieren. Sie sind die Strohmenschen, die die deutschen Krähen verscheuchen, konstatiert der Ich-Erzähler, als er und seine Mutter sich im Spiegel sehen.
Der Satz, den das sechsjährige jüdische Mädchen – Tomer Gardis Mutter – von ihrem christlichen Nachbar hört, bleibt für immer in ihrem Gedächtnis: “Bis hierher hätte ich, bis hierher hätte ich meine Ärme in Judenblut eintauchen (…).” Dieser Satz funktioniert als Inbegriff des östeuropäischen Antisemitismus, der keinesfalls die Erfindung des 20 Jahrhunderts war.

“Broken German” ist ein Roman der Stunde, weil er die Themen auf eine besondere Art und Weise aufgreift und thematisiert, die in der deutschsprachigen Literatur meist am Rande behandelt warden, gleichzeitig aber hochaktuell sind. Der Autor inszeniert die wurzellosen Figuren, die sich in ihrem nomadenhaften Dasein und in der Heimatlosigkeit wohl fühlen und die Kategorie der Heimat in einer postmigrantischen Welt als veraltet abtun. Tomer Gardi verleiht den Menschen eine Sprache, die man in der Regel nicht hört und zeigt uns auf einem hohen literarischen Niveau und mit einer besonderen Komplexität, dass die nationalen und kulturellen Grenzen und das Verständnis von einer homogenen Gesellschaft längst eine Illusion ist, die nur zur Abgrenzung und Diskreditierung des “Fremden” dienen können.
(5 Sterne)

  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten, 19€ (D)
  • Verlag: Droschl, M (12. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3854209799

Irine Beridze  

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