Fernweh aufgepasst! „Ein Jahr in Prag“ und „Ein Jahr in Kalifornien aus dem Herder Verlag

Mit der „Ein Jahr in…“-Reihe entführt uns der Herder Verlag immer wieder für kurze Zeit in fremde Länder und Kulturen. Mit den knapp 190 Seiten sind die schmalen Bücher schnell gelesen und wecken eindeutig Lust auf mehr. Nun sind mit Kuba, Prag und Kalifornien drei neue Teile erschienen, von denen ich Prag und Kalifornien lesen durfte. Gemeinsamkeit liegt hier im journalistischen Hintergrund der Autorinnen Corinna Anton und Kerstin Zilm. Während Anton als Mitarbeiterin bei der Prager Zeitung arbeitet, ist Zilm als Korrespondentin für die öffentlich-rechtlichen Programme in Los Angeles.

06862_ANTON_Ein_Jahr_in_Prag_FINAL-HIGH.inddAls ich das letzte Mal vor zwei Jahren in Prag war, fielen mir sofort die Unmengen an Touristen auf, die das historische Zentrum verstopften. Nirgendwo war man vor den Fahnen schwenkenden Tourguides sicher und auch wir schlossen uns einer „Free Tour“ an, um die Stadt zu erkunden. Corinna Anton erzählt ihr Jahr in Prag aus einer ganz anderen Perspektive und meidet eben diese vollen Touristenhotspots. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Geschichten, die sie für ihre Reportagen verwenden kann und interviewt so den Eigentümer eines kubistischen Kiosks, besucht das erste Obdachlosenheim Prags und unterhält sich mit älteren Damen über Politik und die Gesellschaft. Die Liebe zur Hauptstadt Tschechiens merkt man ihr von der ersten Seite an und ich war sehr beeindruckt, wie schnell sich die Autorin durch ihre erlernten Sprachkenntnisse und ihren starken Willen ein neues Leben in Prag aufgebaut hat. Anton bindet viele liebevolle Details ihrer Traumstadt ein. Sie schreibt über das tschechische Bier, den Prager Frühling und die Eigenarten der tschechischen Sprache und vermittelt so ein anregendes Bild dieser Stadt, in der man sich als Tourist immer durch die Masse kämpfen muss und stets Außenseiter bleibt. Mich hat diese „Ein Jahr in…“-Ausgabe sehr angesprochen, da sie genau das vermittelt hat, was ich mir von der Reihe wünsche; interessante Infos gemischt mit dem alltäglichen Leben, wie es nur „Daueranwohner“ begreifen. Nur einmal wagt Anton den Sprung in ein touristisches Highlight Prags, als sie mit einer Segway-Tour an den Sehenswürdigkeiten vorbeirast und zugeben muss, dass das Touristsein doch auch manchmal ein klein wenig Spaß bringen kann. Ich kann die Prag-Ausgabe nur empfehlen, denn die Liebe zu dieser Stadt und ihren Einwohnern kommt hier auf jeder Seite zur Geltung und gibt zudem Anreiz, Prag von einer komplett neuen Seite kennenzulernen.

06882_ZILM_Ein_Jahr_in_Kalifornien_FINAL-HIGH.inddHatte mich „Ein Jahr in Prag“ sehr überzeugt, war die Kalifornien-Ausgabe von Kerstin Zilm eher enttäuschend. Klar ist, dass Zilm einen Traum lebt. Als Korrespondentin in Los Angeles ist sie immer am Nabel des Geschehens und es überrascht nicht, dass ihr Jahr direkt mit der Oscar-Verleihung anfängt. Interview mit Richard Gere? Check! Haus am Strand? Check! Lange Autofahrten vorbei an den Buchten mit der Chance, Wale und Delfine zu sehen? Check! Es ist möglicherweise auch der Neid, der aus mir spricht, aber ich hätte mir gewünscht, über ein etwas reflektiertes Bild des Lebens in der Metropole berichtet zu bekommen. Zilm scheint es eher darauf abgesehen zu haben, die positiven Vorzüge ihres kalifornischen Lebens wiederzugeben und diese sind natürlich nicht zu verachten. Ich hatte während der Lektüre das Gefühl, als würde etwas verschwiegen werden. Was ist mit der hohen Luftverschmutzung, mit den hohen Mieten?  Wie geht man mit der immer währenden Fröhlichkeit im Showbiz um? Wie lernt man neue Leute kennen? Während ihres Jahres in Kalifornien halten sich Zilms Bekanntschaften eher zurück, mir fehlte die Gesellschaft und Geselligkeit, die von den neu gewonnen Freunden und Bekannten im fremden Land geprägt wird. Das Jahr in Kalifornien klingt toll, doch müsste ich mich entscheiden, würde meine Wahl dann doch eher auf Prag fallen.

unbenanntNatürlich ist zu beachten, dass auch die „Ein Jahr in…“-Teile keine Autobiografien sind. Die Namen werden geändert, Ereignisse überspitzt oder weggelassen, sodass immer ein wenig Fiktion mitspielt, dennoch stillt die Reihe immer ein wenig das Fernweh. Am besten gefallen hat mir bis jetzt übrigens „Ein Jahr in Venedig“, in der das Jahr aus Sicht einer Austauschstudentin geschildert wird und die Blaue Lagune zwar etwas entmystifiziert wird, aber gleichzeitig Lust macht, selber aufzubrechen und seine Tage in den alten, kalten Studentenwohnheimen zu verbringen und sich auf den verschiedenen Inseln zu verlieren.

Nika

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