Verwirrung und Gefühlschaos: „Die Marquise von O…“ von Heinrich von Kleist

Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.

„Die Marquise von O…“ von Heinrich von Kleist, S. 27, Philipp Reclam jun. GmbH & Co, 2004

Inhalt: Zu Beginn steht eine Zeitungsannonce, herausgegeben von der Marquise von O…, worin sie den bisher unbekannten Vater ihres Kindes auffordert, sich bei ihr, mit der Aussicht auf eine Eheschließung, zu melden. Danach wird uns die Vorgeschichte dazu präsentiert: Die verwitwete Marquise von O… (Julietta) wird in einer stürmischen Nacht von dem Grafen F… aus den Händen der russischen Angreifer befreit. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sie ihn sieht. Ein paar Monate später steht er vor der Türe ihrer Eltern und bittet aufdringlich um ihre Hand. Überrumpelt von den Geschehnissen und zum Wohle ihrer Tochter, willigt die Familie einer baldigen Eheschließung – vorläufig – ein. Nachdem der Graf F… zu einer Dienstreise nach Neapel aufgebrochen war, eskalierte die Situation, als eine Hebamme bei Julietta eindeutig eine Schwangerschaft feststellte – wutentbrannt schickte sie ihr Vater daraufhin aus dem Haus. Zurück auf ihrem Landsitz fasste sich die Verstoßene in ihrer Verzweiflung ein Herz und setzte die anfangs genannte Annonce auf…

Rezension: Heinrich von Kleist (1777 Frankfurt – 1811 Berlin) wählte Italien an der Wende zum 19. Jh. als Schauplatz der Handlung. Mitten in den Wirren des Zweiten Koalitionskrieges stürmten russische Offiziere, die von den Franzosen besetzten, italienischen Gebiete. Fragen der Ehre, Sitte und Moral spielen in dieser Kurzgeschichte eine zentrale Rolle. Als beispielsweise Lorenzo, Juliettas Vater, von der rätselhaften Schwangerschaft seiner Tochter erfuhr, sah er sich gezwungen, angesichts der damit einher gehenden Schande für die gesamte Familie, sie aus dem elterlichen Haus zu schmeißen. Wenn ihre Mutter nicht durch eine List Juliettas Unschuld und Reinheit des Gewissens bewiesen hätte, wäre sie für immer ausgestoßen geblieben. Auch war es den Eltern ein großes Anliegen, ihre Tochter nur ja nicht unter ihrem Stand zu vermählen – undenkbar, wenn sich ihr Zukünftiger als ihrer „nicht würdig“ erwiesen hätte.

Diese Novelle stellt für mich ein gutes Beispiel dafür dar, dass man wahrhaftig keine Scheu vor Klassikern haben sollte. Im Gegenteil – es würde einem so vieles entgehen! Selbstverständlich ist eine Sprache, wie die von Kleist, uns heute nicht mehr annähernd so geläufig, doch sollte man deshalb nicht davon absehen, auf ein Werk wie dieses zu verzichten.Am Ende der Geschichte kam es mir so vor, als hätte ich ein gesamtes Buch, mit mindestens 100 Seiten, gelesen. Es verlangt einem durchaus eine gewisse Portion Geduld und Konzentration, doch einmal in der Erzählung gefangen, lässt einem das Schicksal der verzweifelten Marquise nicht mehr los. Schon allein die Gefühlsausbrüche der einzelnen Figuren werden vom Autor hinreißend und dramatisch geschildert! Sollte einem der ein oder andere Begriff nicht geläufig sein, besteht die Möglichkeit sich auf den hinteren Seiten des Buches, unter „Anmerkungen“ über eine genaue Bedeutung zu informieren.

Ich habe die Lektüre dieses schmalen Büchleins sehr genossen und würde sie unbedingt weiter empfehlen, gerade auch an Liebhaber von tragisch-komischen Theaterstücken. Man wird auf keinen Fall enttäuscht werden.

Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen.

  • Reclam: 88 Seiten (davon „Marquise von O…“ – 48 Seiten)
  • Titel: „Die Marquise von O…/ Das Erdbeben von Chili“
  • Verlag: Philipp Reclam jun. GmbH & Co, 2004 (durchgesehene Ausgabe)
  • Edition: Reclams Universalbibliothek
  • Sprache: Deutsch (Text in neuer Rechtschreibung)
  • ISBN: 978-3-150-0800-23

Alexandra

 

 

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