Ein Leben voller Verrat? „Die Farben des Nachtfalters“ von Petina Gappah

9783716027509-1Petina Gappahs Roman „Die Farben des Nachtfalters“ (Arche) handelt von der Albinofrau Memory, die nach einer Verurteilung zum Tode in Simbabwes Gefängnis Chikurubi sitzt und mit der Unterstützung einer amerikanischen Journalistin ihre Geschichte erzählt. So schreibt sie über ihre Erinnerungen – von ihrer Kindheit, die geprägt war von einem liebevollen Vater und einer unberechenbaren Mutter, den Verkauf ihrer Person als Neunjährige an den reichen weißen Großgrundbesitzer Lloyd Hendricks und schlägt so die Brücke zu den Grundsteinen ihrer Verurteilung und ihres Leids.

Positiv aufgefallen ist mir in der Übersetzung sofort die Verschriftlichung des Erwachsenwerden Memorys, die ihre Erinnerungen an ihre Kindheit auch sehr kindlich und unschuldig wiedergibt und sich dann mit zunehmenden Alter immer weiter an eine reifere Sprache anpasst. Mit dieser Sprache wächst sie noch einmal auf, reflektiert das Geschehen und schafft eine sehr persönliche Atmosphäre. Durch das Erzählen ihrer Erinnerungen wird sie dazu gezwungen, Situationen anders zu beurteilen. Der Originaltitel „The Book of Memory“ passt in meinem Empfinden viel besser zur Handlung als der deutsche, impliziert er doch sowohl das Notizbuch, in dem Memory alles aufschreibt und gleichzeitig den Inhalt des Selbigen. Nach und nach erfahren die Leser mehr über das Zusammenleben mit ihrer Familie und dem Bruch, der sich nach dem Verkauf an den homosexuellen Lloyd durch ihr Leben zieht. Lloyd gibt ihr alles; ein Heim, eine gute Ausbildung und kümmert sich liebevoll um das heranwachsende Mädchen. Sie beide sind Außenseiter und was sie zu anfangs verbindet, wird sie später trennen und sogar zum Tode Lloyds führen, für den Memory angeklagt wird. Diese Verurteilung zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Nach und nach kommen immer mehr Details hervor und bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob Memory zu recht in der Todeszelle sitzen könnte. Am Ende steht die große Auflösung – über den Verkauf der jungen Memory und den Mord an Lloyd – gleichzeitig gibt es aber ein offenes Ende.

Ihr ganzes Leben lang hat sich Memory gefragt, woher ihre Alpträume einer aus dem Wasser kommenden und sie verschlingenden Chimäre kommen und warum ihre Eltern sie verlassen haben. Gerade die Auflösung dieser Fragen ist es, die für mich am Ende etwas zu viel war und zu plötzlich. Auch der viele Wechsel zwischen Memorys Erinnerungen und der Gegenwart im Gefängnis geschah manchmal zu heftig.  Die Passagen mit ihren Mitgefangenen waren trotz der Ernsthaftigkeit sehr leicht und locker, doch auch hier wurde nicht unbedingt das Bild eines „berüchtigten Gefängnisses“ wiedergegeben, wie ich es mir vorgestellt hätte. Man könnte fast denken, Memorys Aufenthalt in Chikurubi sei durch die netten Mithäftlinge und die vergleichsweise freundlichen Wärterinnen eigentlich recht angenehmen. Insgesamt kann ich „Die Farben des Nachtfalters“ daher leider „nur“ 3 von 5 Sternen geben.

  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten, 22€ (D)
  • Verlag: Arche; Auflage: 1 (26. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Patricia Klobusicky
  • ISBN-13: 978-3716027509

Nika

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