Heimatlos in der Ferne: „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier

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„Er griff in seine Tasche, holte etwas heraus. Es war ein Fingerhut, er war aus Messing und sah aus wie Gold. Er hielt ihn dem Kind vors Gesicht, bewegte ihn hin und her, einmal vor das eine Auge, dann vor das andere, langsam. Er nahm die Hand des Kindes und steckte den Fingerhut auf den Daumen mit dem Pflaster und drückte ihn fest. Das Kind verbarg den Daumen und den Fingerhut in der Faust.“

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier, S. 39, Hanser Verlag, 2016.

Der österreichische Autor Michael Köhlmeier (* 1949 in Hard am Bodensee) ist mir seit der Schulzeit durch seine Neuerzählung der „Nibelungen“ und „Das große Sagenbuch des klassischen Altertums“ in guter Erinnerung. Auch im Rahmen einer Lesung im Wiener Metropol hatte ich bereits das Vergnügen.  Sein neuestes Buch – „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ – 2016 im Hanser Verlag erschienen und momentan auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises, handelt von einem sechsjährigen Mädchen aus einem fremden Land, welches buchstäblich mutterseelenallein durch die Straßen einer westlichen Großstadt zieht.

Zu Beginn wird sie noch zeitweise von einem „Onkel“ begleitet, der ihr Anweisungen und Verhaltensregeln einbläut, doch eines Tages kommt dieser nicht mehr wie verabredet, und Yiza (Name und Identität der Kleinen bleiben unbekannt) ist endgültig auf sich alleine gestellt. Wir begleiten das Mädchen auf vielen unterschiedlichen Stationen, doch die Erzählung endet genauso plötzlich, wie sie angefangen hat.  Getrieben von quälendem Hunger und beißender Kälte sucht sie bei jeder Gelegenheit ein warmes Versteck und landet schließlich in einem Heim, wo sie aber schon bald darauf mit zwei anderen Buben, Schamhan und Arian, die Flucht ergreift. Das Trio bestreitet von da an die Reise ins Unbekannte gemeinsam, doch auch das sollte nicht auf Dauer sein…

Das Thema dieses 144 Seiten langen Romanes könnte aktueller nicht gewählt sein. Spätestens seit vergangenen Sommer täglich tausende Migranten Österreichs Grenzen passierten, ist die „Flüchtlingsdiskussion“ aus dem politischen Tagesgeschehen nicht mehr weg zu denken. Doch geht es hier nicht um Statistiken, Zahlen und Daten; es wird ein Schicksal aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers geschildert. Denn nicht nur Erwachsene sehen sich gezwungen ihr Heimat zu verlassen – ein Großteil der Auswanderer sind Kinder, die oft ganz alleine  eine kilometerlange Reise in eine unbekannte Zukunft antreten. Beim Lesen kommt einem der berechtigte Verdacht auf, dass diese Erzählung beispielhaft ist, und dass es so oder so ähnlich tausenden anderen Minderjährigen ergeht. Sie sind wie die Protagonistin traumatisiert, einsam, hilflos und kämpfen ums nackte Überleben. Für solche Kinder gibt es keine „normale“ Kindheit in dem Sinne; im Gegenteil, sie erfahren schon in jungen Jahren hautnah die Härte des Lebens.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn es dieser Roman auch noch auf die Shortlist des Österreichischen Buchpreises schaffen würde. Köhlmeier ist ein begabter Erzähler, der in leisen, aber dafür in umso nachdrücklichen Bildern eine Geschichte konstruiert, die noch lange nach dem Lesen zum Nachdenken anregt. Warum sollte man dieses Buch unbedingt lesen? Es ermöglicht einem die allzeit präsente Flüchtlingsthematik einmal aus einem anderen, persönlicheren Blickwinkel zu betrachten und einem für einzelne Schicksale zu sensibilisieren. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass es sich in erster Linie tatsächlich um notleidende Menschen handelt, die Schutz vor Krieg suchen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig einzusehen, dass jede Hilfe, bei Überforderung, auch an ihre Grenzen stoßen kann.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten.
  • Verlag: Hanser Verlag, 1. 2. 2016 (1. Auflage)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-446-25055-0

Alexandra

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