Erinnerungen einer zerrissenen Seele: „Kommission der Tränen“ von António Lobo Antunes

„Die Vergangenheit auszulöschen ist die einzige Lösung.“

9783442714049_Cover„Das ist existenzielles Schreiben, das man nur bewundern kann“, lautet das Zitat, das aus einer Kritik aus „neues deutschland“ auf dem Rücken von „Kommission der Tränen“ (btb Verlag) abgedruckt ist. António Lobo Antunes beschreibt in diesem in einer Art Gedankenschrift die Erinnerungen Christinas, die nach der Flucht aus Angola in Lissabon lebt und versucht, sich von der grausamen Vergangenheit zu lösen, in der ihr Vater als der Teil der gefürchteten titelgebenden „Kommission der Tränen“ in der alten Heimat Angst und Gewalt verbreitete. Den Eindruck des Journalisten kann ich nur bestätigen, denn was Antunes seinen Lesern regelrecht zumutet, ist eine Mischung aus Erinnerungen, Gedankenfetzen und Träumen, die ohne Satzende und Schriftlicher Rede auskommen und wild durcheinander geworfen werden. Über knapp 370 Seiten spannt sich so ein beeindruckender, aber auch herausfordernder Blick in eine „zerrissene Seele“, wie sie auf dem Buchrücken bezeichnet wird.

Antunes stellt einen vor die Herausforderung, sich mit voller Konzentration der vom Stil doch sehr anstrengenden Erzählung zuzuwenden. Die Leser müssen sich darauf einlassen, in den Situationen zu springen und mit vielen Details und Nebensätzen überhäuft zu werden, die sich ähnlich wie in Birgit Vanderbekes „Muschelessen“  über das ganze Buch ziehen. Ich konnte den Text leider nicht komplett lesen. Zu oft schweiften meine eigenen Gedanken geprägt von den erzählten Bildern ab und zu viele Stimmen lassen sich in Christinas Erzählungen vernehmen, die sich nur schwer trennen lassen. Gerne hätte ich alles in einem Rutsch gelesen, doch es wurde schnell zu viel.

Ich möchte dem Buch keine feste Bewertung geben, da ich es zwischendrin immer wieder abbrechen musste und Passagen übersprungen habe, was ich sehr schade finde, denn ich hätte gerne mehr über die „Kommission der Tränen“ und die Situation in Angola erfahren. Es ist schwer, diesen Roman weiterzuempfehlen, denn er ist wirklich schwer zu lesen und zu folgen. Antunes schreibt sehr literarisch und bringt sicher auch reale Begebenheiten in die Geschichten mit ein. Was bleibt, ist das erschütternde Bild einer Frau, die ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen kann und von dieser verfolgt wird. Es ist nicht nur ihre Seele, die sich im Text offenlegt, sondern auch die Seele ihrer Familie, ihrer Nachbarn und den Opfern der Geschichte Angolas. Der Roman ist ein mutiger Text, der diese Geschichte nicht einfach als simple Erzählung darstellt, sondern die Leser auffordert, sich komplett auf diesen einzulassen. Ich möchte „Die Kommission der Tränen“ noch einmal lesen, Stück für Stück mit vielen Pausen, um der Erzählung gerecht zu werden. An dieser Stelle auch ein großes Lob an die Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann!

  • Taschenbuch: 384 Seiten, 11,99€ (D)
  • Verlag: btb Verlag (8. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann
  • ISBN-13: 978-3442714049
  • Originaltitel: Comissão das Lágrimas

Nika

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