Fiktion und Realität – Abhängigkeit und Freiheit: „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan

„Write yourself, you will survive.“

csm_9783832198305_9eda36fc13Delphine de Vigans „Nach einer wahren Geschichte“ aus dem DuMont Verlag ist die Geschichte einer Autorin, in der diese in der Ich-Perspektive von einer verhängnisvollen Frauenfreundschaft erzählt. De Vigan bindet sich hierbei als fiktive Protagonistin selbst in die Handlung mit ein, denn diese heißt ebenfalls Delphine und ist Autorin, die mit zunehmender Schreibblockade immer weiter in einen Sog der Abhängigkeit zu der neuen Freundin L. gezogen wird.

Von Beginn an ist die Inspiration des Textes klar. Es sind Stephen Kings Zitate, die de Vigan in ihrem Roman als Zwischenspiele einbaut, der insgesamt auch ein wenig an Kings „Sie“ erinnert. Die Autorin schafft nicht nur ein Verwirrspiel rund um die mysteriöse L., sondern spielt ebenfalls mit der Wahrheit und der Fiktion- diese Begriffe ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung. Es ist L., die als Ghostwriterin die (Fiktiven? Realen?) Biografien prominenter Persönlichkeiten zu Papier bringt und Delphine drängt, doch endlich das wahre Buch zu schreiben, das tief aus ihrer innersten Wirklichkeit kommt und das das einzige ist, was als Folgeveröffentlichung zum vorherigen Bestseller geschrieben werden kann, der wie in der Realität („Das Lächeln meiner Mutter“) ebenfalls autobiografisch war. Als Delphine mit zunehmender Angst und dem immer größer werdenden Druck nicht mal mehr eine einfache Mail schreiben kann, übernimmt L. die wichtigen Aufgaben und drängt Delphine immer weiter zurück.

De Vigans Erzählung zog mich von Beginn an in den Bann. Die Protagonistin offenbart ihre Gedanken und Gefühle und macht die Darstellung des Schreibens (oder des Nicht-Schreiben-Können) zu einem spannenden Prozess. Die Figur der Delphine wirkt in ihren Ängsten und Wünschen so überzeugend, als würde man das Tagebuch der realen Autorin lesen. Gleichzeitig begibt man sich dadurch als Leser in eine Abhängigkeit, in die man sich jedoch gerne fallen lässt. Ich wollte Delphine vertrauen – sie beschützt und behütet wissen. Die Protagonistin ist keine Heldin. Sie ist unsicher und verletzlich und hat trotz des großen Erfolges ihrer Veröffentlichungen Selbstzweifel. Damit steht sie im starken Kontrast zu L., die jede Situation richtig interpretiert, immer den richtigen Satz auf den Lippen hat und sich an Delphine fügt, als würden sie sich schon ewig kennen. Mit der Zeit überzeugt sie Delphine dahingehend, dass diese sich komplett in L.´s Verantwortung fallen lassen kann. Delphine de Vigan gelingt es auf fesselnde Weise diese Verantwortung immer weiter auszubauen, bis die Delphine der Erzählung und L. fast schon austauschbar sind.

Eine Freundschaft, die nur in absoluter Abhängigkeit existiert und die daran scheitert, dass die eine nicht zu der anderen werden kann und ein Roman, in der sich die Autorin selber zur Protagonistin macht – „Nach einer wahren Geschichte“ ist kein Psychothriller, sondern eher ein spannendes Spiel mit der Realität. Delphine de Vigan verknüpft Fragen an ihre Person über das nächste Schreibprojekt mit einer Geschichte, die jederzeit so passiert sein könnte. Es gelingt ihr damit, nach „Das Lächeln meiner Mutter“, indem es um das Leben ihrer Mutter geht, eine passende und packende Antwort auf die Problematik zu finden, was auf so eine offene und ehrliche Erzählung folgen kann. Ich möchte „Nach einer wahren Geschichte“ 4 von 5 Sternen geben, mit dem Abzug durch die doch leichten Vorhersehbarkeit der Ereignisse.

Nika

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