Insel der Begierde: „Hotel Iris“ von Yoko Ogawa

„Ich wollte so schnell wie möglich allein sein, mich hinter die Rezeption zurückziehen und die Ereignisse des Tages wieder lebendig werden lassen, denn ich befürchtete, dass das Erlebte seine Realität sonst verlieren könnte.“

Hotel Iris, Yoko Ogawa, S. 40, Aufbauverlag, Berlin 2016.

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Inhalt: Mari, ein siebzehnjähriges Mädchen, führt gemeinsam mit ihrer herrschsüchtigen Mutter ein kleines Hotel namens „Hotel Iris“ in einem Badeort. Ihr Leben verläuft soweit eintönig und weitestgehend normal, bis sie sich mit einem deutlich älteren Mann anfreundet und mit ihm ihre gesamte Freizeit verbringt. Sie begleitet ihn auch zu seinem einsam gelegenen Haus auf einer nahegelegenen Insel und  lernt dort eine bis dahin unbekannte Seite des Übersetzers am eigenen Leib kennen.

Rezension: Anfang des Jahres hatte ich bereits ein Buch von Yoko Ogawa gelesen – Rezension: Liebe am Papierrand und war so sehr angetan, dass ich daraufhin noch alle weiteren Bücher dieser Autorin lesen wollte. „Hotel Iris“ ist zwar zum Teil sehr speziell, besonders im Hinblick auf die körperliche Beziehung zwischen Mari und dem Übersetzer, doch weist der Roman an sich, typische Elemente der japanischen Erzählkunst auf, die ich vor allem seit Haruki Murakami sehr zu schätzen gelernt habe: einzigartiger Aufbau einer Atmosphäre, Beschreibung von Gefühlen und der alltäglichen Dinge, in beinah zauberhafter Weise. Es ist besonders dem Aufbau Verlag zu danken, dass es dieses 1996 erschiene Buch, nun seit diesem Jahr in dieser tollen Ausgabe zu lesen gibt.

Das Geschichte wird aus der Perspektive von Mari, in der Ich-Form, erzählt. Sie trägt eine große Verantwortung indem sie sich 365 Tage im Jahr um den Hotelbetrieb kümmern muss. Ihre Mutter führt ein strenges Regiment, das ihrere Tochter so gut wie keine Freiheiten zulässt. Erst jenem alten Mann, im Buch „der Übersetzer“ genannt, gelingt es die Lücke ihrer Einsamkeit zu schließen. Maris Zuwendung steigert sich in bedingungslose Unterwerfung, bis zur kompletten Selbstaufgabe. In dem Körper des Übersetzers schlummern zwei Persönlichkeiten: einerseits scheu und zurückhaltend, andererseits fordernd und schamlos. Mari kann sich seiner Anziehungskraft nicht mehr entziehen und verliebt sich hoffnungslos in ihn. Als sie eines Tages zum Mittagessen von ihm eingeladen wird, erwartet sie in seinem Haus ein unerwarteter Gast und dann wendet sich unwiderruflich das Blatt der Geschichte und findet schlussendlich ein tragisches Ende.

Beim Lesen fiel mir auf, dass wie bereits in „Liebe am Papierrand“, einzelne Körperteile – in diesem Fall die Hände – eine große Rolle spielen. Mari beschreibt eindringlich und wiederholt die Grazie der Hände des Übersetzers, welche mit einer Leichtfertigkeit und Anmut alle Dinge verrichten. Die Beziehung der beiden zueinander könnte widersprüchlicher und abstoßender nicht sein. Hinter all den Eskapaden stellt sich der Protagonistin immer wieder die Frage nach der verstorbenen Frau ihres Geliebten. Wie kam diese zu Tode? Steckt in dem Gerede der Leute ein Funken Wahrheit: Hatte der Übersetzer etwas damit zu tun?

Der Ogawas Erzählstil ist angenehm flüssig, daher gelingt es einem leicht, dieses Buch in ein paar wenigen Stunden auszulesen. Durch nicht vorhersehbare Wendungen und häufige Rückblenden gelingt es der Autorin die Aufmerksamkeit beim Lesen zu halten. Alles in allem vergebe ich daher: 4 von 5 Sternen.

  • Taschenbuch: 223 Seiten
  • Aufbau Verlag, Berlin 2016.
  • Sprache Deutsch (Übersetzung: Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler)
  • ISBN: 978-3-7466-3221-6

Alexandra

 

 

 

 

 

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