Die Schule als Bühne: „Die Anatomie des Erwachens“ von Eleanor Catton

„Ein direktes Gegenüber wäre zu vertraulich und ein Nebeneinander zu formell – eigentlich sind sie wie Laiendarsteller, die zum ersten Mal die Bühne betreten und nicht wagen, das Gesicht vom Publikum abzuwenden, weil sie fürchten, ihr Text könnte untergehen.“

9783442748945_CoverInhalt:  In „Die Anatomie des Erwachens“ von Eleanor Catton aus dem btb-Verlag ist die siebzehnjährige Victoria  Ausgangspunkt der Handlung, als ans Licht kommt, dass diese eine Affäre mit ihrem Musiklehrer hat. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision.

Rezension:  Mit diesem Roman zeigt Eleanor Catton erneut, wie meisterhaft sie die Verwebung der Figuren beherrscht. Alles ist verbunden – jede Aussage, jede Situation steht im Zusammenhang. Werden die Leserin und der Leser am Anfang in das Geschehen geworfen, findet man sich schnell ein und verfolgt anschließend mit großem Interesse den verschiedenen  Handlungssträngen, die immer wieder zueinander führen. Im Vordergrund stehen die High-School-Schülerin (und die kleine Schwester Victorias) Isolde und der Theaterstudent Stanley, die beide in ihrer Selbstständigkeit und in ihrer Sexualität „erwachen“.  Die knallhart ehrlichen Figuren, die scheinbar längst erwacht sind – die Saxofonlehrerin, der Bewegungsleiter etc. – bleiben namenlos. Sie ziehen oftmals im Hintergrund die Fäden und manipulieren die Schüler, wie es ihnen beliebt, wodurch sie nicht unbedingt zu Sympathieträgern werden.

Der Handlungsort Schule wird zum Theater. Die Figuren werden in ihrer Pubertät zu Rollen, die sie in der Gruppe ausleben müssen – jeder hat seinen Platz. Versucht Stanley sich als Schauspieler zu beweisen, ist es bei Isolde der Kampf mit den eigenen Gefühlen, die immer im Schatten ihrer Schwester stehen. Wen kann man sich anvertrauen? Wen seine wahren Gefühle offenbaren, ohne, dass diese benutzt werden? Catton gelingt eine fabelhafte Erzählweise, die mit zeitlichen Ebenen spielt und in der man sich nie richtig sicher sein kann, wo man eigentlich gerade steht.

Fazit:  Catton hat mich mit der Neuauflage ihres ersten Romans nach „Die Gestirne“ erneut überzeugt.  Ich vergebe 4 von 5 Sternen und bin gespannt, was die Autorin als nächstes veröffentlichen wird.

Vielen herzlichen Dank an den btb-Verlag für das Rezensionsexemplar!

  • Taschenbuch: 400 Seiten, 10,99€
  • Verlag: btb Verlag (11. Juli 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3442748945

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s