Ruanda und der Völkermord: „Die Heilige Jungfrau vom Nil“ von Scholastique Mukason

„Eine Tutsi mit Abschlusszeugnis ist nicht wie eine Hutu mit Abschlusszeugnis. Es ist kein wirkliches Zeugnis. Das eigentliche Zeugnis ist dein Ausweis. Wenn darauf `Tutsi´ steht, wirst du nie eine Arbeit finden, nicht mal bei den Weißen. Das ist die Quote.“

41l77XtN2oLInhalt: Am 7. April 2014 jährte sich zum zwanzigsten Mal der Völkermord in Ruanda. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Gewalt, die 1994 zum verheerenden Völkermord eskaliert, schildert Scholastique Mukasonga in „Die Heilige Jungfrau vom Nil“ den Schulalltag in den 1970er Jahren. Töchter ranghoher Politiker, Militärs, Geschäftsleute und Diplomaten einerseits, sowie mittelloser Bauern andererseits leben im christlichen Mädcheninternat Notre-Dame-vom-Nil zusammen. Hoch in den Bergen, nahe einer der Quellen des Nils erhalten sie unter strenger katholischer Aufsicht, fernab allen Verführungen der Großstadt, ihre Schulbildung. Sie sind größtenteils Hutus, die Aufnahme der Tutsi ist durch eine 10% Quote geregelt. Die schon angespannte Lage spitzt sich weiter zu, als zur Weihung einer neuen Marienstatue an der Nilquelle auch die militante Ruandische Jugend geladen wird. Haben die Tutsi-Mädchen richtig eingeschätzt, wie gefährlich die Lage für sie wird?

Rezension:  Lediglich durch den Film „Hotel Ruanda“ war mir der Völkermord in diesem kleinen, afrikanischen Land bekannt.  Vor einigen Jahren kaufte ich mir dann das Buch „We Wish to Inform You That Tomorrow We Will Be Killed with Our Families“, das den Genozid und die Situation in Ruanda eindringlich schildert. Leider steht dieses bis heute ungelesen in meinem Regal – die richtige Lesestimmung für dieses harte Thema fehlte bis jetzt und daher war ich umso gespannte auf „Die Heilige Jungfrau vom Nil“, dass die Konflikte zwischen den Hutu und den Tutsi in „sanfterer“ Weise vor den Ausschreitungen schildert. Vorab sei gesagt, dass sich die Entwicklungen des Internats nicht nur auf diese Spannungen konzentriert, sondern auch den Schulalltag schildert. Wie in einer Blase gehen hier die zukünftigen „Minister-Frauen“ zu dieser majestätischen Schule, die auf einem Berg thront. Es ist eine abgeschottete Welt, die lediglich von den Ferien, Staatsbesuchen und Gebeten an der Statue der Heiligen Jungfrau unterbrochen wird. Man vertreibt sich die Zeit mit den  gleichen Spielereien, die es wohl auch an einer europäischen oder amerikanischen Schule gibt – mit dem Unterschied, dass die politischen und gesellschaftlichen Spannungen immer wieder durchdringen.

Jedes Kapitel erzählt eine kleine Episode des Internatslebens und berichtet auf sehr interessante Weise vom Alltag der Schülerinnen.  Heitere Handlungsstränge wechseln sich mit ernsthaften Themen ab. Obwohl die Figuren auf mich teilweise etwas eindimensional wirkten, entsteht so ein sehr lebendiges Bild. Es ist eine Geschichte aus vielen kleinen Geschichten, die einen sozialen und gesellschaftlichen Querschnitt Ruandas zieht und zeigt, wie die Propaganda-Maschinerie schon bei den jüngsten Anklang findet. Immer wieder möchte man als Leser in die Handlung springen und die Mädchen schütteln, wenn diese sich gegen die Tutsi und die Diskriminierung ausleben. Selbst die belgischen und französischen Austauschlehrerinnen und –lehrer halten sich im Hintergrund. Für sie ist die Arbeit in dem Internat nur eine kurze Zeit, während die Schülerinnen mit den Konflikten leben müssen und offen zur Rassentrennung und Gewalt gegen die Tutsi aufrufen. Insbesondere die Hututochter Gloriasa wird zur Verfechterin ihrer Volksgruppe und steigt zum Mittelpunkt des Geschehens auf. Hier wäre es vielleicht interessanter gewesen, sich für eine größere Anzahl Gegner der Tutsi zu entscheiden. Dennoch wird der Roman von einer Stimmung getragen, die man so selten in anderen Büchern findet.

Fazit: „Die Heilige Jungfrau vom Nil“ kratzt nur an der Oberfläche des langen Konflikts zwischen Hutu und Tutsi, der Autorin ist es aber gelungen, die Spannungen aus einer ganz anderen Perspektive aufzuzeigen. Ich vergebe gerne 5 Sterne und spreche eine große Empfehlung für die tolle Afrika-Reihe des Wunderhorn-Verlages aus!

Vielen herzlichen Dank an den Wunderhorn-Verlag für das Rezensionsexemplar!

  • Gebundene Ausgabe: 182 Seiten, 24,80€
  • Verlag: Das Wunderhorn; Auflage: 1 (23. Juli 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13:9 78-3884234693

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