Shakespeare neu interpretiert: „Der weite Raum der Zeit“ von Jeannette Winterson

„Manchmal ist das, wo du bist, genug. Es ist nicht so, dass die Zeit stehen bleibt oder nie begonnen hat. Das hier ist Zeit. Du bist hier. Dieser erhaschte Moment, der in ein Leben mündet.“

9783813506730_CoverDas Shakespeare-Projekt: 2016 jährt sich der Todestag William Shakespeares zum 400. Mal. Zu diesem Anlass veröffentlicht  der Knaus Verlag als deutscher Partner der Hogarth Press 8 Romane, die die Geschichten des Schriftstellers und Dramatikers in die heutige Zeit versetzen. Über zwanzig Länder beteiligen sich an diesem tollen Projekt und man darf sich auf Neuinterpretationen spannender Autoren wie Gillian Flynn , Tracy Chevalier oder Jo Nesbø freuen.

 Inhalt: In „Der weite Raum der Zeit“ verlegt Jeanette Winterson die Geschichte des „Wintermärchens“ in die moderne Welt.  Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Rezension: Aus Liebe wird Hass, aus Freundschaft Feindschaft: Wintersons Interpretation des Wintermärchens ist alles andere als ein Märchen. Die Figuren fluchen, sie bekämpfen und betrügen sich und gehen dabei bis ans Äußerste. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die Autorin an die Vorlage hält und diese trotzdem komplett modernisiert. Ich hatte „Das Wintermärchen“ vorher nicht noch einmal gelesen, daher gibt es für die Zusammenfassung der Handlung am Anfang des Romans schon einmal einen großen Pluspunkt. Durch diese kann man schnell die Parallelen zur Neuinterpretation ziehen und es macht sehr viel Spaß, diese zu entdecken.

Mit „Der weite Raum der Zeit“ zeigt Winterson, wie gut Shakespeares Inhalte auch heute noch funktionieren. Sie bricht die Handlung auf die elementaren emotionalen und menschlichen Gefüge herab und zeigt damit, dass Liebe, Eifersucht und Hass vom ersten Drama bis zum heutigen Stück die Hauptspieler jeder Geschichte sind. Die Stücke Shakespeares können damit auch heute noch so modern wie nie zuvor sein. Winterson verpackt die Vorlage als einfache Lektüre, die man schnell lesen und verstehen kann. Besonderes Augenmerk möchte ich auf den Aufbau des Romans legen. Ist das „Wintermärchen“ ein für die Bühnen konzipiertes Drama,  baut die Autorin in ihrer Handlung theaterhafte Zwischensequenzen in Form von Pausen ein, die die Leser zwar aus der Handlung werfen, aber gleichzeitig  in Anmerkungen Bezug zu dieser nehmen und somit für ein interessantes Leseereignis sorgen, da man eine Distanz zur Handlung bekommt, wie sie nur im Theater entsteht.

Fazit: Für dieses tolle Projekt erst einmal 5 Sterne! Durch die Neuinterpretationen eröffnet sich hier hoffentlich für viele, die Shakespeare und die anspruchsvolle Sprache sonst ablehnen, eine neue Möglichkeit, den Dramatiker und seine Geschichten neu für sich zu entdecken. „Der weite Raum der Zeit“ war mir teilweise zu derb und besonders zum Ende hin etwas zu einfach, dennoch hat mich der Roman gut unterhalten, daher gebe ich 3 von 5 Sternen und freue mich sehr auf die nächste Neuinterpretation!

Vielen herzlichen Dank an den Knaus Verlag für das Rezensionsexemplar!

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, 19,99€

Verlag: Albrecht Knaus Verlag (11. April 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3813506730

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