Nationalstrasse – Der Bericht eines tschechischen Wendeverlierers

„Sie labern dich voll, von wegen du lebst im Frieden. Sie labern dich voll, von wegen Kriege gibt es nur am anderen Ende der Welt, ganz weit weg, wenn nicht gar auf einem anderen Planeten.“


9783630874425_CoverInhalt:
 In „Nationalstrasse“ erzählt der tschechische Autor Jaroslav Rudiš von Vandam. Der war einer von denen, die es losgetreten haben am 17. November 1989, als unten in der Prager Altstadt auf der Nationalstraße die samtene Revolution ins Rollen kam, die einige Wochen später das kommunistische Regime hinwegfegte. Damals war Vandam ein junger Polizist, ein Vorstadt-Held oben in der Plattenbausiedlung des neuen Prag, die dem Wald abgetrotzt mitten in rauer Natur liegt. Dort oben haben sie als kleine Jungs heimlich Krieg gespielt, dort hat Vandam nach seinem Vater gesucht, wenn der wieder einmal angedroht hatte, er würde sich erhängen, bis er am Ende doch übers Balkongeländer sprang.
Fünfundzwanzig Jahre später wohnt Vandam immer noch in der Plattenbausiedlung seiner Kindheit. Längst ist er kein Held mehr, sondern ein Verlierer: Wegen Gewaltexzessen aus dem Polizeidienst entfernt, prügelt er sich als einsamer Schläger durch Tage und Nächte und hebt im Fußballstadion regelmäßig die rechte Hand zum Hitlergruß.

Rezension: „Nationalstrasse“ ist die Geschichte eines realen (Anti-)Helden. Rudiš`  192-seitige Erzählung ist geprägt von Gewalt, Alkohol und sozialen Problemen. Vadams Bericht zeugt von einem bewegten Leben: Gescheiterte Existenzen, unerfüllte Träume nach der politischen Wende, außeinander gebrochene Familien und eine gewalttätige Polizeimacht bestimmen die Handlung. In dem Roman bestärkt Vandam, der selber als Polizist durch den ersten Schlag die Revolution 1989 auslöste, seinen Sohn  darin, immer an die Stärke der Faust zu glauben, denn „der Krieg ist immer und überall, auch in Zeiten des Friedens“.  Es ist ein Appell gegen die Vernunft und gegen die Zurückhaltung. Hinter jeder Ecke lauert der Feind, den man niederstrecken und verprügeln muss, damit das Blut fließt, das wie „süß-salzige Marmelade“ schmeckt.

Rudiš` Roman ist schnell gelesen. Die Figuren werden durch ihre simple Darstellung zu Stereotypen. Auch Hauptfigur Vandam ist ein Protagonist, den man sich, trotz mangelnder Beschreibung, bildhaft vorstellen kann. Er sei kein Nazi, sondern ein Römer im modernen Europa, behauptet er, dennoch sitzt er gedanklich in fleckigem Unterhemd mit hellgrüner Bomberjacke vor mir, eine Zigarette im Mund, die Bierdose in den tätowierten Händen und mit rasierter Glatze – das Klischeebild eines alternden rechten Schlägers, das vielleicht gerade deshalb so unangenehm real erscheint. Auch die Plattenbau-Umgebung zwischen Wald und Stadt am Rande Prags ist ein düsterer Schauplatz, den es wohl in jeder Großstadt gibt. Hier trifft man sich in der Kneipe um die Ecke, wo man den Feierabend verbringt.

Fazit: Vandams Fall vom Polizisten zum alkoholabhängigen Lackierer wird auf den wenigen Seiten sehr lebendig dargestellt. Er ist ein Wendeverlierer – als einstigen Auslöser der Revolution trifft ihn der Absturz besonders hart. Rudiš skizziert in „Nationalstrasse“ ein tristes Leben am Rande der Gesellschaft. Von der großen Euphoriewelle 1989 haben die tschechischen Protagonisten nichts mehr. Sie alle waren dabei und setzten sich für die Freiheit ein, sie alle haben eine ganz persönliche Wendegeschichte zu erzählen, doch jetzt ist nichts mehr von der Umbruchsstimmung übrig. „Nationalstrasse“ ist nicht unbedingt ein Roman, der Spaß macht, er zeigt jedoch sehr anschaulich die Trostlosigkeit , die das Leben von Vandam und seiner Umgebung prägt. Ich gebe ihm 3 von 5 Sternen.

Vielen herzlichen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar! Hier geht es zum Interview mit dem Autor.

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