Ende der Fiesta: Südeuropas verlorene Jugend

„Die einzigartige Kunst des „Desenrascar“ (deutsch: zurechtkommen, sich behelfen) wird von den Portugiesen regelmäßig in Leitartikeln analysiert und täglich tausendfach im ganzen Land angewandt.“

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Inhalt: Die Eurokrise hat Miguel Szymanski vom erfolgreichen Journalisten zum Wirtschaftsflüchtling gemacht. Wie hunderttausende Portugiesen steht er über Nacht vor dem Nichts. Die Läden in seiner Straße schließen, Kinder bekommen Zuckerwasser zum Abendessen, Freunde ohne Arbeit sitzen auf Schuldenbergen, und in den Krankenhäusern geht das Verbandszeug aus. Von dem täglichen Kampf und der Zeit in Deutschland und Portugal erzählt er in „Ende der Fiesta: Südeuropas verlorene Jugend“ aus dem Kösel Verlag.

Rezension: „Ende der Fiesta“ war für mich der erste Roman aus dem portugiesischen Raum – umso sehr freute ich mich darauf, obwohl die Thematik von Anfang an alles andere als Spaß versprach und das Buch alles andere als ein Roman ist. Die Krise Portugals und Spaniens gehörte für mich bisher zu fernen „Zuständen“, die in der Presse besprochen wurden bis sich ein anderes Thema fand, dass für die Reporter spannender war. Eine Tatsache, die sehr erschreckend ist, erfährt man doch in Szymanskis Buch sehr viel über das harte Leben der Spanier und Portugiesen während der Wirtschaftskrise. Sehr ehrlich und offen schildert der Autor die Situation seiner Familie. Er springt hierbei immer in Etappen in verschiedene Situationen vergangener Jahre und an verschiedene Orte. Großer Bezugspunkt ist auch Deutschland, wohin er, bedroht von Arbeitslosigkeit und Armut, mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Töchtern flüchten muss. Das Land ist ihm nicht fremd, verbrachte er als Spross einer deutsch-portugiesischen Familie sehr viele Jahre in Baden-Württemberg und hat viele Verwandte auf deutschem Boden.

Szymanski kämpft – auf 192 Seiten kämpft er um das Glück seiner Familie, seinen Stand als Wirtschaftsjournalist und um den Erhalt des Glaubens an seine Heimat. Klar schildert er die verschiedenen Stationen seines Lebens, von den beruflichen Anfängern, der Arbeit bei der portugiesischen GQ bis hin zum Werbetexter in Deutschland. Seine Gedanken werden auf den Punkt gebracht und man merkt dem Schreibstil an, dass der Autor einen journalistischen Hintergrund hat. Passend zur düsteren Thematik werden die Kapitel sachlich abgearbeitet – dies ist kein Nachteil, denn so kann sich der Leser darauf verlassen, das der Inhalt des Buches keine Schmierenkomödie ist, bei der zu Unterhaltungszwecken Dinge zustätzlich erfunden werden. Ehrlich ist er auch, wenn es zu anfangs um sein Verhältnis zu Deutschland geht. Hier erscheinen ihm alle Menschen unfreundlich, hektisch und verschlossen. Natürlich sind die Portugiesen im Gegenteil dazu lebensfroher, stimmungsvoller und humorvoller. Das ferne Portugal wird so nicht nur für ihn zur psychischen Plattform der Sehnsucht nach einem Land, dass so nicht mehr existiert, zu schlecht geht es der Wirtschaft, zu korrupt sind die Politiker. Wie sagt man so schön? „Die fetten Jahre sind vorbei!“ Leider trifft die Krise wie immer die falschen, die kleinen Leute, die von Anfang an nicht viel hatten und nun um das Überleben kämpfen müssen. Der Autor zieht ein breites Bild durch die verschiedenene gesellschaftlichen Schichten Portugals und geht auf die verschiedenen Fragen rund um die Wirtschaftskrise ein. Wie konnte es soweit kommen? Welche Rollen spielen die Banken? Welche die EU, insbesondere Deutschland? Wie hat sich die Stimmung der Portugiesen und Spanier gegenüber der Deutschen geändert? Wie sieht der Alltag während der Krise aus?

Fazit: „Ende der Fiesta“ ist kein Roman. Es ist ein erschreckender Bericht über ein verarmtes Land und seine kämpfenden Einwohner. Es ist oftmals schwer, die Zusammenhänge zu verstehen, daher ist es zu empfehlen, sich etwas in die politische und wirtschaftliche Situation Portugals und der Verbindung der EU einzulesen. Insgesamt liefert Szymanski einen spannenden Überblick der Wirtschaftskrise auf der iberischen Halbinsel. Durch die verschiedenen Zeit- und Ortssprünge ist es ohne Vorkenntnisse manchmal schwierig zu verstehen, was gerade passiert ist. Hier wäre eine Übersicht als Zeittafel der Krise am Ende sicher nicht schlecht gewesen. Da das Buch aus dem Jahr 2014 stammt, würde es mich sehr interessieren, die  neuen Entwicklungen zu erfahren ud ich werde mich in Zukunft sicher mehr mit dem Thema auseinander setzen. Ich gebe „Ende der Fiesta“ daher 4 von 5 Sternen.

Vielen herzlichen Dank an den Kösel Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

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