In Memoriam Umberto Eco

230216

Autor: Umberto Eco
Titel: Nullnummer (Original: „Numero Zero“)
Erscheinungsdatum: 2015
Verlag: Carl Hanser Verlag München
Seitenanzahl: 240 Seiten
Genre: Kriminalroman

Biographie des Autors: Umberto Eco wurde 1932 in Alessandria, Piemont geboren. Mit dem Roman „Im Namen der Rose“ (1980) erlangte er Weltruhm und war weit über die Landesgrenzen Italiens anerkannt als Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler und Semiotiker. Am 19.2.2016 verstarb Umberto Eco im Alter von 84 Jahren.

Inhaltsverzeichnis: Mailand, 1992. Unter der Leitung eines gewissen Dr. Simei und seinem Direktionsassistenten Colonna, arbeitet ein sechsköpfiges Team von Journalisten an einer Monatszeitschrift namens „Nullnummer“. Dahinter steckt das geheime Projekt „Domani“ des Commendatore Vimercate, der die Zeitschrift als Instrument benützt, um sich einen Zugang zu den „höheren“ Kreisen der Gesellschaft zu verschaffen. Dazu bedarf es einer Auswahl von politisch höchst brisanten Themen, welche die einzelnen Redakteure vor große Herausforderungen stellt. Einer von ihnen, Braggadocio, ergreift die Chance und entwickelt eine überaus waghalsige Hypothese, welche im Zusammenhang mit Mussolini und dem, nach seiner Meinung, noch immer wirksamen Faschismus steht. Der Skandal wäre perfekt und würde seine Kreise bis in die höchsten Eliten des Landes ziehen. Anfangs möchte niemand Braggadocio, der hinter jeder Kleinigkeit eine Verschwörung sieht, kaum Vertrauen schenken, doch ist der Stein einmal ins Rollen gebracht, beginnt das Spiel mit dem Feuer. Der Roman umfasst einen Zeitraum von drei Monaten (April – Juni 1992) und wird aus der Sicht des Journalisten Colonna erzählt, der parallel dazu als Ghostwriter an einem Enthüllungsroman über die dubiosen Machenschaften schreibt. Der Preis, den die Journalisten für ihre gefährliche Arbeit zahlen müssen ist hoch und von einem Tag auf den anderen kann sich keiner mehr in Sicherheit fühlen.

Persönliche Meinung: In seinem vorletzten Buch schildert Eco die manipulative Kraft der Medien und ihren wesentlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung und das kollektive Gedächtnis. Aus der Perspektive von Colonna wird uns ein Blick in den Redaktionsalltag gewährt und der Leser bekommt die Möglichkeit, die Entwicklung der neuen Zeitschrift von Anfang bis zu deren jähen Ende mit zu verfolgen. Horoskope und Wetterberichte auf der einen Seite, Verschwörungstheorien, Korruption und Intrigen auf der anderen Seite. Niemand bleibt verschont, wenn nötig wird ein Gegner des Auftraggebers kurzerhand diskreditiert. Nicht offenkundig und laut sondern subtil, aber dafür umso wirksamer. Kurz gesagt es geht um die bekannten Motive: Geld und Macht. Die einzelnen Personen gehen mit unterschiedlichen Erwartungen in das Projekt hinein; ihnen ist jedoch eines gemein: frustriert und enttäuscht vom ihrem bisherigen Leben erhoffen sich die meisten von ihnen nun eine positive Wende in ihrer Karriere und setzen alles auf eine Karte: Ihr Ehrgeiz scheint größer als ihre Angst vor den fatalen Folgen sein.

Der Roman ist an manchen Stellen, besonders bei den Ausführungen von Braggadocio sehr dicht mit Informationen, Namen und Daten gespickt, welche ein gewisses Grundwissen über die politischen Verhältnisse Italiens nach 1945 voraussetzen. Das Lesen dieser Abschnitte erfordert besondere Konzentration, welche der Spannung jedoch keinen Abbruch tut. Die Figur des Erzählers rückt im Kontrast zu den anderen Personen im Buch in den Hintergrund. Besonders beeindruckt, im negativen Sinne, war ich von dem Redaktionsleiter Dr. Simei, der sich kein Blatt vor dem Mund nimmt und die Methoden des Journalismus schonungslos und immer mit einer ordentlichen Portion Zynismus ausspricht.

Ein Schriftsteller wie Umberto Eco genießt auch noch über seinen Tod hinaus ein sehr hohes Ansehen und daher kann ich mir gut vorstellen, dass dieser Roman reichlich Zündstoff für hitzige Diskussionen liefert. Das Buch liest sich spannend, ist aufwühlend geschrieben und kommt nicht ohne gewisse Ironie und Witz aus. Es schärft zugleich auch den Blick auf die Medien, welche in unserer Zeit omnipräsent sind; stellt deren Objektivität infrage und regt zu einer kritischen Distanz des Lesers an. Alles in allem ein sehr gelungenes und empfehlenswertes Buch. Es hätte mich aber durchaus noch interessiert, wer letztendlich dem Projekt „Domani“ ein Ende setzt und ob der Einbruch in Colonnas Wohnung, der am Anfang des Buches steht, tatsächlich passiert ist, oder ob dieser nur seiner Fantasie und dem Verfolgungswahn des Protagonisten zu verdanken ist.

Bewertung: 4 Sterne.

Alexandra

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